Hauptseite

Seite Aktualisieren

Reisebericht Türkei


Für Allgemeine Infos Flagge anklicken

 

 

Sa 9. Oktober 1999 69. Tag

Velkio-Alexandroupolis-Ipsala 89.84 Km T: 3698.8 Km

Auch dieser Morgen war kalt, und wieder war ich dick eingehüllt. Um 7.00 Uhr war ich dann auf der Strasse Richtung türkischer Grenze. Aber zuvor kochte ich mir noch was kleines in Alexandroupolis bei einer Kirche. Beim Krämer hörte ich, dass er vor kurzer Zeit eine ältere englische Radfahrerin gesehen hatte. Vielleicht die von Igomenitsa? 30 Km vor der Grenze traf ich einen Kanadier, der auch mit dem Rad unterwegs war, jedoch bald seine Tour beendet. Er war 2000 Km unterwegs in Griechenland und der Türkei. An der Grenze hatte ich keinerlei Probleme; schnell ein Stempel, und das war es dann auch schon. In einem kleinen Dorf konnte ich dann bei einer Bauernfamilie übernachten. Auch hier umringten mich viele Kinder, die sprachen aber nur Bulgarisch oder Türkisch und beides sprach ich nicht. Doch mit Humor und Spielen ging das ganz gut. Sie besassen einen Gamecomputer, der am Fernsehen angeschlossen war. So durfte ich mit dem Anführer der kleinen Bande spielen. Natürlich gewann er immer. Die Kinder haben hier nicht soviel wie ihre Altersgenossen in Westeuropa, doch was ich sah, war, dass die hier alles haben, was sie brauchen, um glücklich zu sein. Am Abend gingen wir in die Dorfkneipe, dort gab es Leute, die Englisch sprachen. Ein Lehrer brachte mir Tavla (Backgammon) bei, ein sehr interessantes Brettspiel. Später war ein Fussballmatch Deutschland-Türkei. War interessant zu sehen, wie etwa 60 Männer mitfiebern.

So 10. Oktober 1999 70. Tag

Ipsala-Keþan-Inecik 79.51 Km T: 3778.4 Km

Als ich dann meine Hängematte verstaut hatte, luden mich die Leute zum Frühstück ein. Danach ging ich für 80 Minuten laufen. Die letzten 500m zum Dorf wurde ich umzingelt von einer Kinderschar, die mitrennen wollte, das war ein herrlicher Moment. Nach dem Abschiedsphoto war ich dann um 12.00 Uhr wieder auf der Strasse. In Inecik kam ich sehr müde an. Ich für fand Gelegenheit, für 8.- Fr. im Türkischbad baden und dort auf einer Pritsche übernachten zu können. 

Mo 11. Oktober 1999 71. Tag

Inecik-Tehirdag-Silivri 91.05 Km T: 3869.5 Km

Mein Ziel war es, heute so schnell wie möglich nach Istanbul zu kommen. Mindestens 90 Km wollte ich machen. So fuhr ich, zwar müde, doch mit einem Ziel, drauflos. Als es anfing einzudunkeln, schrie mir ein Mann auf französisch entgegen, es sei gefährlich, um diese Zeit Rad zu fahren, und wenn ich wolle, könne ich in seiner Tankstelle übernachten. Ich war natürlich froh und nahm die Einladung gerne an. In der Nähe gab es ein riesiges Einkaufscenter. Dort ass ich und fand zudem ein Internetcafe.

Di 12. Oktober 1999 72. Tag

Silivri-Istanbul 85.78 Km T:3955.7 Km

70 Km vor dem eigentlichen Zentrum fängt Istanbul an. Das bedeutete für mich eine Schnellstrasse von 2 bis 4 Spuren, viel Verkehr, viel Stress. Heute war der stressigste Teil auf der bisherigen Reise. Ich sah dann, was mich sehr erstaunte, einen Migros in Istanbul. Ich dachte da an einen sehr guten Freund, der wenn er mal im Ausland arbeiten möchte, von der Migros Schweiz sicher in die Migros in der Türkei wechseln könnte. Und natürlich kaufte ich was in der Migros ein. Als ich dann zum Rad zurückkam, hatte jemand einen Zettel an mein Rad geheftet. "Willkommen in Istanbul und liebe Grüsse in die Schweiz." Das war ein Aufsteller nach dem Stress auf der Strasse. Das Hostel fand ich leicht, denn ich kannte es von drei vorherigen Besuchen in Istanbul.

Mi 13. Oktober 1999 73. Tag

Istanbul

Als erstes ging ich eine Stunde entlang des Hafens laufen. Danach holte Briefe und mein Paket bei der Post ab. Ich war erstaunt, dass es diesmal geklappt hatte mit dem Päckli. Es war schön, Nachricht von zu Hause zu bekommen. Nun, es hat sich nicht viel verändert. Ich ging zum Barbier, wo ich meine "Strudelfrisur" auf den türkischen Standard brachte. War nicht ganz so zu frieden wie in Italien. Der Typ schnitt mir fast eine Glatze! Doch dafür muss ich lange Zeit nicht mehr zum Coiffeur.

Do 14. Oktober 1999 74. Tag

Istanbul

Ich erkundigte mich wegen dem Marathon Eurasia. Ich fand heraus, dass es ein 15 Km und ein 8 Km- Rennen gibt. Danach schlenderte ich ein wenig herum, schaute mir ein paar Sachen an und traf dann am Abend eine Iranerin. Wir unterhielten uns sehr lange und danach gab Sie mir Ihre Adresse, wo ich Sie erreiche, wenn ich in Teheran bin.

Fr. 15. Oktober 1999 75. Tag

Istanbul

Ich organisierte die Startnummer und entdeckte einen riesigen Skandal: Türken bezahlen für den Marathon 1 US Dollar. Ausländer bezahlen 30 US Dollar. Nun, ich bin mir gar nicht so sicher, ob das Geld wirklich wie versprochen den Erdbebenopfern zukommt!

Am Abend traf ich ein paar Leute die mich in Thessaloniki gesehen. Sie sind mit dem Motorrad unterwegs um die Welt. Hier in Istanbul verleben sie ihre bisher schlimmste Zeit. Sie bekamen eine Absage vom iranischen Konsulat, nun müssen sie Ihre Maschinen verschiffen. Das bedeutet zusätzliche Auslagen, warten, und viele Dokumente ausfüllen. Sie möchten nur noch so schnell wie möglich weg. Ihre Maschinen sind bereits unterwegs nach Pakistan: Karachi.

Im Hostel haben Sie DVD und so sah ich mir noch Wild Wild West an, den ich unter jedem Hund fand. Mit einem Deutschen Student ging ich dann in ein Türkisch Bad. Das war echt entspannend, genau das Richtige für meine Muskeln. Zurück im Hostel fand eine Party in vollem Gang - eine Bauchtänzerin sorgte für Stimmung und das war wirklich eine tolle Sache.

Sa 16. Oktober 1999 76. Tag

Istanbul

Bei einer meiner Gepäcktaschen brachen zwei Bolzen, die man nun ersetzen und neu vernieten musste. Ich hatte in Griechenland keine Gelegenheit gehabt, was zu suchen. So schaute ich mich im grossen Bazar um. Nach einer halben Stunde fand ich dann eine Werkstatt, deren Besitzer das besser vernietete als die Hersteller. Das würde nicht mehr brechen. Und er war dann so freundlich und machte es umsonst. Damit hatte ich nicht gerechnet! Danach verbrachte ich ein paar Stunden im Internetcafe. Am Abend führte ich einige interessante Gespräche mit anderen Travellern. So wurde es ein längerer Abend als gedacht; eigentlich wollte ich früher ins Bett, da ich ja morgen das Rennen habe.


Marathonlauf in Istanbul (Bild anklicken um auf offizielle Homepage zu gelangen)

So 17. Oktober 1999 77. Tag

Istanbul

Ich stand sehr früh auf: Um 6.15 Uhr, da ich zum Treffpunkt laufen musste, der 2 Km entfernt war. Dort traf ich andere ausländische Marathonläufer. Die Profis aus Äthiopien oder Kenia sah man jedoch nicht. Die werden hier mit Samthandschuhen angefasst. Unser Bus hatte dann 25 min Verspätung, sodass wir sehr spät zum Start kamen. Dort herrschte ein gewaltiges Chaos. Es gab keine Umziehkabinen und es war unklar, wo ich überhaupt meine Sachen verstauen musste, damit ich sie im Ziel wieder bekomme. Schliesslich fand ich dann einen Bus, in dem ich den Rucksack mit den Kleidern und Schuhen verstaute. Um 9.00 Uhr fiel der Startschuss und ich sage euch, da fing das Chaos erst richtig an. Tausende liefen los, stiessen und drückten sich um eine bessere Position. Leute, die vermutlich noch nie ein Rennen gelaufen waren, fanden sich da genauso wie Spitzensportler. Nun, ich leide seit ich hier in Istanbul bin unter starken Magenkrämpfen - das war nicht die beste Voraussetzung für einen derartigen Lauf. Ich wollte die 15km innert einer Stunde machen. Das erreichte ich nicht ganz; mein Resultat war 1.04.40, und das weiss ich auch nur, weil ich es selbst gestoppt habe. Ich habe noch nie einen Lauf gesehen, der so schlecht organisiert war wie dieser. Als ich erschöpft im Ziel ankam gab's dort keine Garderobe, ganz zu schweigen von Duschen. Den Bus mit meinen Sachen darin fand ich nach einer halbstündigen Suche zum Glück wieder. Mir ist klar, dass ich diesen Lauf nie wieder bestreiten werde. Dafür ist Istanbul nicht schön genug. Wenn jemand gehen will im nächsten Jahr, ist hier die Homepage  http://www.istanbulmarathon.org oder oben Bild ancklicken.

Mo/Di 18/19 Oktober 1999 78/79 Tag

Istanbul

Ich war sehr überrascht, denn mein Hostel entpuppte sich als Anlauf-Punkt für Radfahrer. Es kamen zwei weitere Schweizer, die mit dem Rad von Luzern hierher gefahren waren und nun nach Indien fliegen. Dann gab es zwei Franzosen, die nach Japan unterwegs sind. Und einen Kanadier, der innert zwei Jahren die Welt sehen will (wäre mir zu stressig). So hatte ich während meinen letzten Tagen in Istanbul viel zu besprechen. Das war sehr gut, da ich so den Muskelkater fast vergass.

Mi 20. Oktober 1999 80. Tag

Istanbul-Istanbul 74.14 Km T: 4029.9 Km

Ein Tag, den ich am liebsten vergessen würde!!!

Es fing schon an mit dem Abschied. Es war hart, mich zu trennen von den anderen Radfahrern. Als ich dann losfuhr, kam ich 3.5 Km weit und da hatte ich einen platten Reifen. Ein wirklich netter Iraner flickte das Loch unaufgefordert. Nun, ich hatte nichts dagegen einzuwenden, da ich diese Arbeit noch oft genug machen werde. Es stellte sich heraus, dass er auch Langstrecken-Radfahrer ist. So ist er bereits die Strecke Teheran-Paris gefahren. Als ich dann weiterfuhr, verlor ich die Orientierung, wähnte mich in einem einzigen Labyrinth und wollte doch bloss Europa verlasen. Schliesslich fand ich dann die grosse Brücke, die ich gar nicht hätte befahren dürfen. Doch ein Polizist eskortierte mich mit dem Motorrad über die Brücke. In Asien fuhr ich auch wieder ohne Orientierung herum - das war ein extremer Stress. Als ich meine Contactlinsen rausnahm, da es zu staubig war, sprach mich eine Frau in perfektem Englisch an. Sie lud mich in ihr Restaurant ein und servierte mir zu Essen. Dabei erklärte sie mir den Weg aus dem Labyrinth heraus. Das war wirklich ein Engel. Denn im Moment der Orientierungslosigkeit hatte die Schnauze völlig voll. Ich fuhr nun den richtigen Weg heraus, und doch fühlte ich mich wie mitten drin in einer Kloake: Eine Fabrik folgte der anderen und es gab extrem viel Verkehr. Ich wollte nur aus noch heraus aus dieser *!"@. Also fuhr ich bis in die Nacht hinein. Bei einer Werkzeugfabrik gab es ein paar Bäume, dort verbrachte ich dann die Nacht in der Hängematte. Die Strasse war 10m davor. (Klasse!!!)


Erdbeben in Izmit

Do 21. Oktober 1999 81. Tag

Istanbul-Adapazari 104.44 Km T: 4134.5 Km

Um 08.00 Uhr hatte mich die Strasse wieder. Mein Ziel war, einfach nur fahren. Solche Strecken machen mich fertig. Wenn ich den ganzen Tagen nur den Diesel der Trucks einatme und die Aussicht aus Betonblocks und Fabriken besteht. Das mag ja gut sein für die Wirtschaft, doch egal in welchem Land, ich bin zu "Grün" für diese Dreckschleudern. Ich kam immer näher an Izmit heran, wo im August beim Erdbeben Tausende umgekommen waren. Man sah immer mehr Notzelte und Eingestürzte Bauten. Wahrlich ein schrecklicher Anblick. Vor Adapazari konnte ich bei einem Restaurant übernachten. Das war echt super. Ich spielte mit einem Jungen Tavla (Backgammon) und gewann 8:3. Danach spielten wir auf dem Sega-Automaten ein paar Games, hauptsächlich Motorradrennen und Formel 1. Er war klarer Sieger. Schlafen konnte ich in einer Stube im Restaurant. Ach ja, ich hatte vor Istanbul die Bekanntschaft eines Schweizers gemacht, der nun in Bolu lebt. Den konnte ich vom Restaurant aus anrufen. Wir verabredeten uns morgen in Bolu.

Fr 22. Oktober 1999 82. Tag

Adapazari-Bolu 135.99 Km T:4270.5 Km

Bevor ich gehen durfte, musste ich nochmals mit dem Jungen Tavla spielen. Diesmal gewann er 2:1. Die Gegend wurde zunehmend grüner, und es machte wieder Freude, Fahrrad zu fahren. In Bolu angekommen, rief ich den Schweizer an. Wir fuhren zu seiner Firma, wo wir das Rad deponierten. Danach fuhr er mich in ein Luxushotel, wo ich die nächsten Tage schlafen darf. Sowas hätte ich mir im Traum nicht gedacht. Ich duschte mich schnell und zog was anderes an (war zwar gleich schmutzig). Danach unterhielten wir uns und fuhren dann zum Migros. Dort gab's Schweizer Schokolade!!! Mein hier nun heimischer Freund hat eine sehr grosse Familie. Alle waren sehr freundlich. Ich konnte noch schnell ins Internet, wo ich nach langer Zeit die Berichte einfügen konnte.


Atatürk

Sa/So 23/24. Oktober 1999 83/84. Tag

In Bolu

Die Tage verbrachte ich mit dem Schweizer. Er war sehr freundlich und hilfsbereit, erklärte mir auch, dass man nun - ab Ankara - unter gar keinen Umständen die Frauen ansprechen dürfe oder überhaupt beachten solle. Nur so hat man absolut keine Probleme. Man muss sich als Gast verhalten und darf die Leute nicht in eine Ecke treiben. Wenn man sie respektiert und nicht bevormundet, kriegt man keine Probleme. Man darf zwar zeigen, dass es auch anders geht, aber man sollte nicht zuvor sagen, die andere Methode sei nur einen Dreck Wert. Wichtig: Was Du denkst ist egal, die Leute kämpfen jeden Tag ums tägliche Brot und haben wahrlich andere Sorgen und Probleme, als dass sie sich auch noch Deiner annehmen könnten. Und das ist für uns Europäer sehr eben schwer zu verstehen. Zu beachten ist die Sache mit dem WC: Wenn man zu Gast ist und man auf die Toilette muss, ist es anständig, vor dem Betreten des Örtchens die Hausschuhe aus- und darauf die Schuhe, die sich im WC-Raum befinden, anzuziehen. Sonst könnte es sein, dass die Frau wegen dem Versäumnis das ganze Haus auswaschen muss !!! Das Ganze hört sich einfach an, doch ich musste am eigenen Leibe erfahren, dass es extrem schwierig ist nach diesen Regeln zu Leben. Das erfordert 100 % Konzentration du musst bevor du was sagst denken ob der Andere das überhaupt verstehen kann oder ob ich ihn dadurch verletze. Ich glaube diese Lektion half mir das ganze unter einem anderen Aspekt zu sehen. Es war ein kleines Erdbeben das meine Werte, Vorstellungen ja Regeln des Europäischen Lebensstiles arg ins schwanken brachte und einiges musste umgestellt werden. 

Nun, wir haben nicht nur diskutiert. Er zeigte mir auch einige sagenhafte, unwahrscheinlich schöne Städte, die für mehrere tausend Menschen Platz boten. Es waren in den Felsen gehauene und über mehrere Stockwerke verbundene Höhlen. Man schätzt, dass es sich um etwa 12 Stockwerke handeln muss, die miteinander verbunden sind. Überall sah man Steinblöcke, die so aufgestellt sind, dass es aussieht, als wollte jemand sie runterstossen. Und in der Gegend hat es wahrlich massenhaft dieser Höhlen. Die Leute hatten ein System entwickelt, das den Rauch verteilte, sodass man von weiten die Stadt nicht sehen konnte. Einer der Freunde meines „Fremdenführers“ leitet die Hürriyet und so machten wir einen Termin ab für ein Interview. Nun, es waren zwei herrliche Tage, die ich sehr genoss. Ich würde gerne mehr über diesen Mann schreiben, denn er ist bereits jetzt ein lebendiges Denkmal und er hat für Bolu viel gemacht. Doch ich habe ihm ein Versprechen gegeben, das ich nicht brechen möchte.

Mo 25. Oktober 1999 85. Tag

Bolu-Akyarma Pass 76.6 Km T: 4347.1 Km

Das Morgenessen hatte ich im Hotel. Später holte mich ein Chauffeur ab und brachte mich zur Fabrik wo ich dann wie vereinbart den Leiter der Zeitungen und den Schweizer traf. Wir machten das Interview. Es soll in 16 Zeitungen abgedruckt und auf zwei Fernsehkanälen ausgestrahlt werden. Die Message lautet: „Leute, wenn ihr wollt, könnt ihr mit dem Willen und Glauben wahrlich Berge versetzen. Realisiert eure Träume und gebt nicht auf, denn es gibt immer eine Lösung.“

Um 12.30 Uhr war ich wieder auf der Strasse, auf mich alleine gestellt doch mit dem Wissen, dass ich in der Türkei eine Person habe, die mir sehr gut helfen kann, wenn ich ernsthafte Probleme hätte. Die Gegend war ein Traum, und ich sage Euch: Die Strecke zwischen Bolu und Ankara ist wahrlich eine Traumstrecke für Radfahrer. Man fährt durch gewaltige Canyons: Kilometerlang, und eine Grünfläche erfreute mein Herz unterdessen. Das war wieder eine schöne Strecke. Am Abend hatte ich dann 900 Höhenmeter zurückgelegt und war auf dem Akyarma Pass auf 1570 m. Dort hatte es ein kleines gemütliches Restaurant. Dort wärmte ich mich auf und trank einige Cay's (türkisches Wort für Tee). Es kamen Gäste und ich unterhielt mich mit ihnen der eine war Provinzchef und die anderen beiden kamen aus Ankara. Im Restaurant hingen Gewehre, ausgestopfte Tiere und - was mich sehr interessierte - diverse Musikinstrumente. Ich fragte den Wirten, ob er die Instrumente auch spielen könne, und so spielte er und sang alte Volkslieder. Er war wirklich talentiert. Es war ein Genuss. So versuchte ich es auch; mit der Darbuka (Trommel). Da gibt es diverse Fingergriffe und Techniken. Ein Super-Instrument. Schlafen konnte ich dann am Boden neben dem Cheminée. Der Wirt schaute noch ein wenig fern (Sexkanäle).

Di 26. Oktober 1999 86. Tag

Akyarma Pass-Ankara

Nun - meine Freunde in der Schweiz wissen es und verstehen es nicht. Doch das ist egal. Was ich sagen wollte ist, dass ich in der Schweiz zweimal im Jahr für 14 Tage faste. Das bedeutet 14 Tage nur Flüssigkeit und keine Festnahrung. Hauptsächlich Wasser, Tee und Obstsäfte. Diesmal wollte ich damit eigentlich schon ein paar Wochen früher anfangen doch es ergab sich nicht. Da war der 15km-Lauf und so weiter. Nun versuche ich, auf der Reise die Fastenwochen zu machen. Ob mir das gelingt, weiss ich noch nicht, da auf einer Reise wie dieser nie klar ist, was geschieht. Doch wenn die ersten fünf Tage gut gehen, sollte es klappen. Man sollte das nicht einfach so nachahmen. Ich möchte das ausdrücklich schreiben: Fasten sollte man nur unter Anleitung eines Arztes! Wenn man die Gefahrensignale missachtet, kann das sehr gefährlich sein. Wie auch immer, die ersten Tage sind hart, da der Körper sich entgiftet und die Giftstoffe, die man zu sich genommen hat, noch einmal Wirkung zeigen. Meine letzte Mahlzeit nahm ich in Bolu ein. Und der Körper hatte sich noch nicht auf das Fasten eingestellt, so war ich natürlich hungrig und müde. Doch als ich mich aufs Rad setzte, ging das wieder ganz gut. Ich hielt dann an einer schönen Stelle an, wo ich für eine Stunde lief. Danach hatte ich ein wenig Schwindelgefühl, das nach 30 min vorüber war. Bis Ankara fühlte ich mich sehr gut. Doch in Ankara leben zwei Millionen Leute, so wollte ich so schnell als möglich in ein Hotel, wo ich mich ausruhen könnte. Eine Herberge fand ich dann in einem Viertel, das der Langstrasse in Zürich gleicht (Rotlichtbezirk). Für 6.- die Nacht bekam ich ein herrliches Zimmer. Dort kochte ich eine Gemüsesuppe mit frischem Rotkohl, Zwiebeln, Paprikaschotten, Lauch und ein wenig Bouillon. Das köchelte 30 min. vor sich hin, während ich schlief. Die Flüssigkeit nahm ich zu mir, den Rest warf ich weg (ein wenig achtlos...). In der Flüssigkeit hat es sehr viele Vitamine, die ich nun brauche. Ich ging noch in ein Internetcafe, wo ich meine Mails bearbeitete und den Text in die HP einfügte. Um Mitternacht war ich wieder beim Hotel, doch ich war nicht müde. Ich hatte zwar ein wenig Muskelkater (vom Fasten), doch fühlte ich mich überhaupt nicht müde - mein Geist war sehr wach. So ging ich ins Lokal neben dem Hotel. Dort schrieb ich am Tagebuch weiter, bis ich realisierte, wo ich überhaupt war. Ich hockte in einem getarnten Bordell der untersten Klasse. Ein Mädchen kam und wollte einen Drink. Na ja. Einen, was soll's. Kostet nicht alle Welt. Doch schliesslich wurde ich umzingelt - nicht nur von Mädchen, sondern nun auch noch von den Typen, die mir zu verstehen gaben, eine Nummer schieben zu wollen. Also nahm ich den Rädelsführer beiseite, schaute mich um, flüsterte und nahm dabei sehr vorsichtig, damit es niemand sieht, mein hölzernes Kruzifix, das ich auf Athos geschenkt bekommen hatte, heraus. Nun war ich ganz klar für die Leute ein Mönch: Er trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, und hält obendrein nichts von Frauen. Sofort war ruhe und man brachte die Rechnung. Ich nahm mein Portmonee heraus, zog das ganze Notengeld raus, sodass es jeder sah, der wollte, und bezahlte. Jetzt war ich der Bettelmönch. Und konnte gemütlich weiter am Tagebuch schreiben. Ich denke, dass ich meine und die Ehre der anderen so wahrte. Ich hatte danach Mühe, zu schlafen - war einfach nicht müde, hatte zuviel Energie.


Ankara

Mi 27. Oktober 1999 87 Tag

Panne in Ankara

Im Fernsehen brachte man nun den Bericht über mich. Ich denke, er kam ganz gut rüber. In der Presse habe ich noch nichts gesehen. Im Internetcafe schrieb ich noch einen Teil der Berichte und unterhielt mich per e-mail mit Freunden. Um 16.00 wollte ich weiterfahren. Als ich die Strasse nach Kapatokia gefunden hatte, passierte etwas, von dem ich gedacht hatte, dass es passieren könnte, von dem ich aber gehofft hatte, dass es nie eintreffen würde. Als ich nun die Strasse, die sehr steil war, runterflitzte, gab es einen Knall und ich merkte, dass irgend etwas nicht mehr stimmt. Das Rad fuhr sehr merkwürdig, und es war, als bremse mich etwas. Als ich anhielt und den Schaden sah, war ich geschockt. Die hintere Nabe war gebrochen. Eine Welt brach zusammen. Ich konzentrierte mich, trank einen ganzen Liter Obstsaft und machte mich gestärkt und vollen Mutes auf die Suche nach einer Werkstatt. Um 18.30 fand ich eine, die diese Teile hat. So war das Problem gelöst.

Do 28. Oktober 1999 88. Tag

Ankara

Im Zentrum suchte ich nach einem Schal, da es langsam aber sicher sehr kalt wird. Ich fand nur ganz kurze und nicht zweckmässige. Durch Zufall stiess ich auf einen Stoffhändler, und dort fand ich ein 1.5 m langes und 55 cm breites Stückchen Stoff, das genau das Richtige war für mich. Man kann den Stoff umwickeln wie ein Mohammedaner seinen Turban, und er schützt einem von dem sehr kalten Wind. Echt toll, genau das, was ich brauche. Für 15.- war er mein und ich war happy. Nun brauchte ich nur noch gute Handschuhe, die ich jedoch nicht in Ankara fand. Um 13.00 ging ich ins Fahrradgeschäft, wo ich mein Rad abholen wollte. Es sah alles sehr gut aus. Der Mechaniker hatte die Nabe ausgewechselt, und da er nur ein älteres Modell hatte, musste er den Kranz auch noch wechseln. „OK", dachte ich mir, „Hauptsache, es fährt". Bei der Probefahrt stellte sich jedoch heraus, dass die Kette rutschte, da die Kettenblätter nicht gleich waren. So mixte er etwas zusammen aus den neuen und alten Teilen. Hoffentlich geht das gut !!! Die ganze Reparatur kostete mich dann ganze 60 Mio. Türkisch Lira = 200.-Fr. Da es nun zu spät war, um abzufahren, blieb ich eben noch eine Nacht länger als geplant.

 

Fr 29. Oktober 1999

Ankara-Kirikkale-Keskin 124.24 Km T: 4607.6 Km

10.00 Uhr - endlich wieder auf der Strasse. Hoffentlich hält die hintere Nabe! Und wenn es doch nur ein wenig wärmer wäre. Ich muss so schnell als möglich in den Süden! Die Kälte ist nichts für mich. Definitiv. Das waren in etwa meine Gedanken. Ich war dick eingehüllt wie ein Mohammedaner. Das sah ganz bestimmt lustig aus. Nun - die Gegend war ein Traum; einfach genial. Am Abend hielt ich dann bei einer Tankstelle, wo ich im gleichen Zimmer schlief wie die Angestellten.

Sa, 30. Oktober 1999 90. Tag

Keskin-Kirsehir-Hacibektas 115.96 Km T: 4723.5 Km

Heute Morgen war es wieder so kühl. Die ersten Km gingen hoch, von 850m auf 1280m. Das war schon ein wenig anstrengend, wenn man bedenkt, dass es hier fast keine Kurven gibt. Es geht einfach Schnurgerade hoch. Man denkt, es wäre nicht so steil, doch in Wirklichkeit macht man eine etwa 18%-ige Steigung mit. Nun, Ihr fragt euch vielleicht: „Wieso weiss der immer, wie hoch er ist?" Das verdanke ich einem Gerät, das einer meiner Sponsoren im Sortiment hat, und das eines meiner Lieblingsinstrumente wurde: Der Thommen Höhenmesser von der Opti Sport. Aber genug der Werbung! Tatsache ist aber, dass ich mir keine Tour mehr ohne dieses Gerät vorstellen könnte. Ausserhalb von Akipinar, einem kleinem Dorf, kochte ich mir eine Suppe. Das tat gut. Ich füllte die Suppe in eine Fahrradflasche und in eine 1,5 Pet Liter Flasche ab. Es war zu windig und zu kalt, um lange regungslos dazusitzen und Suppe zu essen. So genoss ich die Suppe beim Radfahren. Auf 1200m geht es, auf ein Hochplateau. Kilometerweit zieht sich die Ebene hin; das ist ein herrliches Gefühl. Es dunkelte bereits ein, als mich 2 Pärchen stoppten. Sie würden mich gerne auf einen Tee einladen. Sie wohnen 12 Km entfernt in Hacibektas. Als ich dort ankam, war es bereits dunkel geworden und beträchtlich kalt. Ich sah vermutlich sehr merkwürdig aus mit dem Tuch um den Kopf gewickelt. Wie ein Mohammedaner. War aber eine meiner einzigen Möglichkeiten, um warm zu bleiben. Bei der Familie war es sehr gemütlich und ich hatte ein sehr positives Gefühl. Sie bewirteten mich mit Tee und wollten mir unbedingt was zu Essen geben. Da ich aber vorgenommen hatte, zu Fasten, musste ich ablehnen. Das war aber nicht einfach! Ich konnte ihnen auf gar keinen Fall sagen, dass ich versuche, 14 Tage nichts zu essen und dass ich nun seit 6 Tagen nichts gegessen hätte. Das verstehen meine Freunde in der Schweiz nicht einmal. Wie sollte ich es da diesen Leuten verständlich machen? Also sagte ich ihnen, ich hätte Amöben und schrecklichen Durchfall. Alles, was ich esse, komme sofort wieder raus. Ich musste auch x-mal auf das Örtchen, damit sie keinen Verdacht schöpften. Ich ass dann eine Suppe, die ich nicht ablehnen durfte. Das wäre ein schrecklich unfreundlicher Akt gewesen. Ich fühlte mich schon so nicht ganz wohl, ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen zu können. Die Nacht verbrachte ich im Gästezimmer. Das war angenehm warm.

So 31. Oktober 1999 91. Tag

Hacibektas-Göreme 63.99 Km T: 4787.5 Km

Heute früh hatte ich dann doch tatsächlich Durchfall - so war das gar keine Lüge mehr, nur nicht die ganze Wahrheit. Die Leute wollten, dass ich den Arzt oder das Spital aufsuche. Ich konnte mich herausreden, in dem ich ihnen klarmachte, dass ich schon Tabletten hätte gegen die Amöben. Sie wollte unbedingt, dass ich eine Tablette nehme. Zum Glück hatte ich noch Dextro Energen (ein Traubenzucker). Den nahm ich vor den Augen der Leute ein. Ich tat so, als schmecke es mir überhaupt nicht. Danach war ich entlassen und durfte meine Reise fortführen. Es war nicht mehr weit bis Kapatokia, so nahm ich es sehr gemütlich. Ich genoss eine etwa 10 Km lange Abfahrt. Die Gegend war atemberaubend - man sah schon zig Km vor Göreme die Felsenhöhlen. In Göreme traf ich zwei belgische Radfahrer, die draussen übernachteten. Mir ist es jetzt zu kalt für solche Spässe. Ein Backpacker sagte mir, wo man am günstigsten schlafen kann. Und es stellte sich als ein wirklicher Geheimtipp heraus. Ich konnte in einem Cave übernachten für etwa 4.- Fr. die Nacht. Das Hostel hatte eine Küche, wo ich mein Süppchen kochen konnte. Genial. Und der Raum war wirklich warm. Es gab auch eine Katze, die während der Nacht in meinem Bett schlief. Ach ja; ich traf noch zwei Schweizer, die mit dem Jeep unterwegs sind. Ich unterhielt mich lange mit dem Mädchen. War schön, wieder „Schwiizerdütsch" zu sprechen. Hatte schon gedacht, dass ich's verlernen würde... 

Mo 1. November 1999 

Göreme Ruhetag 

Ich schlief wider einmal aus. War super! Heute wollte ich nicht viel unternehmen. Mal Ferien machen von den ständigen Abenteuern. Ach ja, habe ich vergessen zu sagen: Nun haben wir Winterzeit, das heisst die Sonne geht schon kurz vor 17.00 Uhr unter. Ich ging ein wenig in Göreme herum und wen traf ich da??? Ich konnte es nicht für möglich halten - das Pärchen aus Amerika, das ich in Istanbul angetroffen hatte, arbeitet eine Woche als probeweise in einer Agentur, die auch ein Hostel hat. Was für ein Zufall! Ich dachte, sie wären in der Schweiz auf Arbeitssuche. Nun, es gefällt ihnen nicht so. Der Raum, in dem sie schlafen, ist kalt und sie bekommen nur die Hälfte von dem, was man ihnen versprochen hatte. Ich hatte mich ein wenig vernachlässigt und schon seit einer Woche nicht mehr rasiert. So liess ich mich beim Barbier verwöhnen. Der rasierte mich doppelt. Kürzte den Bart. Brannte die Ohren- Nasen- Wimpern- Haare. Schnitt die Nackenhaare und massierte mich 5min. lang. Und das alles für 3.-Fr. Ich sollte öfters zum Barbier gehen. Ich fand für 5.-Fr. Handschuhe aus Schafwolle, die angeblich schon 20 Jahre alt seien und die man gar nicht mehr herstellt. Na ja - ob's stimmt ? Hauptsache, sie geben warm. Am Abend brach ich die Fastenzeit - mich überkam die Lust, zu essen. Das ist so hart, wenn man fastet sind die Sinne viel stärker. Man schmeckt, riecht und hört viel besser und wenn man dann die Strassen entlang geht und all diese phantastischen Gerüche riecht, überkommt einen schneller als erwartet die Lust, etwas zu essen. So habe ich halt wieder angefangen zu essen. Und noch vor einem Tag war ich sicher, zwei Wochen durchzuhalten. Nun egal. Eine Woche ist auch nicht schlecht. Nächstes Jahr werden es dann zwei Wochen.


Kappadokia

Di 2. November 1999 93. Tag

Göreme-Zelve-Göreme

Heute sah ich mir das Openair Museum in Göreme an. Einfach phantastisch - es gibt unzählige spitz zulaufende, bis etwa 30m hohe „Zwergenhüte". Ich kann das gar nicht beschreiben, sowas müsst Ihr Euch schon selbst anschauen kommen. Aber wartet nicht zu lange, denn die Erosion ist bös am Werk und einiges ist schon zusammengefallen. Also ab aufs Rad und kommt hierher, es lohnt sich!!! Danach ging ich noch für 60 min laufen. Super Laufstrecke. Mit dem Rad fuhr ich Richtung Zelve, wo es ein anderes Openair Museum gibt. Doch zuvor machte ich Halt in einem Dorf neben Göreme, das sich auf Töpfereien spezialisiert hatte. Man zeigte mir, wie Vasen hergestellt werden und ich durfte mich auch schmutzig machen. Ich stellte mit Hilfe meines Betreuers einen Aschenbecher her (Ich, der NICHT MEHR abhängig bin). Es ist eine Tradition, dass man sich nach der Arbeit an der Wand verewigen darf. Man drückt dazu einfach seine lehmigen Hände an die Wand. Das Kind in mir kam dabei wider zum Vorschein. starke Sache. Mutter hätte sicher Freude gehabt. Zelve ist phantastisch, es war absolut kein anderer Mensch anwesend ausser mir. Das ganze Gelände war ein riesiger Abenteuerspielplatz für mich. Das war ein Genuss. Ich erforschte Höhlen, kroch durch Tunnels, sah mir die Kirchen an. Und stellte dabei mit Bedauern fest, dass die Wandmalereien zerstört waren. Man hatte die Gesichter zerkratzt. Ich gebe meinen Kommentar besser nicht bekannt. Ach, und bei all diesen Aktivitäten wäre ich fast eingeschlossen worden: Der Wärter wollte schon schliessen. Abends ging ich mit einigen Australiern zu einem BBQ. Das war zuerst sehr gemütlich. Doch dann gingen wir in das eine Cave. Dort waren dann die Wirte, die Haschisch rauchten und Raki tranken. „Flucht aus dem Orientexpress" kam mir unweigerlich in den Sinn. Nein, ins Gefängnis möchte ich nicht wegen etwas, das ich schon lange nicht mehr mache. Die Stimmung war auch ziemlich am Boden. Ich sah es den Australiern an, dass auch sie an die Gefahr dachten. Man sah ständig zur Tür, ob nicht etwa ein Polizist auftauchen würde. So wurde es Zeit und wir bezahlten. Die Rechnung war 5mal teurer als wenn man im Restaurant essen würde, doch es wäre teurer gewesen, wenn ein Polizist gekommen wäre. Und wenn es auch nur ein Freund der Wirte gewesen wäre, der Geld erpressen wollte. So gesehen bezahlte ich lieber das wenige Geld.

Mi 3. November 1999 94. Tag

Göreme-Kaymakli-Üchisar-Göreme 54 Km T: 4866 Km

Heute war ich früh unterwegs - es ging zur 28 Km entfernten Untergrund-Stadt in Kaymakli. Die Stadt zu beschreiben wäre unmöglich, so lass ich das sein. Geh selber hin und sieh Dir das an!!! Ich hatte eine etwas ungewöhnliche Begegnung. Meine erste dieser Art, und ich bin ein wenig am zweifeln, ob ich das so schreiben soll, wie es sich abspielte. Ich denke, Ihr sollt es wissen, da es ja ein Teil der Reise ist. Mich sprach ein Türke an, der lange in der Schweiz gelebt hatte. Er lud mich zu einem Tee ein. Er erzählte mir von seinem Leben. Ich fange am besten da an, wie er vor Jahren lebte. Er war sehr sportlich, nahm 1989 auch an einem Marathon teil, den er in 3h30min. lief. Auch im Fussball war er gut. Er hatte eine Frau und ein 3-jähriges Kind. Die Arbeit, die er machte, war sehr mit Stress verbunden, und die Leute sprachen gegen ihn. So kam es, dass er eines Tages im Verkehr angefahren wurde. Sein Knöchel war gebrochen. Das war das Aus für den Sport. Er wurde nervös, hörte plötzlich Stimmen, die ihm was böses sagten und ihn nicht mehr in Ruhe liessen. So kam es, dass er in die Klapsmühle kam und seine Frau auch nichts mehr von ihm wissen wollte. Er bekam Spritzen und Medikamente, die natürlich auch nicht viel halfen. Nun ist er seit vier Jahren in der Türkei. Drei Jahre lang fragten die Leute sich, was er eigentlich wolle. Seit einem Jahr ist er den Leuten egal geworden. Nun hört er nur noch die bösen Stimmen, die ihn fast jeden Tag besuchen. Es war für mich das erstemal, dass ich so einen Menschen traf. Er war für mich ein seelisches und körperliches Wrack. Rauchte eine Zigarette nach der anderen und hatte ganz aufgedunsene Haut von den Medikamenten. Wenn er einst 70 Kg gewogen hatte, so sind es nun bestimmt 100. Ich hatte zwar schon viel gehört und gelesen, dass es Menschen gibt, die von bösen Geistern befallen sind, doch noch nie hatte ich zuvor einen solchen Menschen vor mir gehabt. Das war schon eine Begegnung, die mich nachdenklich machte.

In Üchisar, dem höchsten Punkt der Umgebung, hat man einen herrlichen Ausblick auf das Göremevalley. Das war ein besonderer Abschluss des heutigen Tages. Ich kochte mir an diesem Abend eine Schweizer Spezialität RÖSTI. Das habe ich so richtig genossen. Die Zubereitung ist sehr einfach. Man braucht dazu Kartoffeln, die gleiche Menge Zwiebeln und ein wenig Käse und Gewürze. Man raffelt die Kartoffeln in eine Pfanne mit Öl. Fügt die geschnittenen Zwiebeln dazu und das Ganze vermischt man. Nun drückt man das Ganze zusammen, sodass es eine Art Omlett gibt, röstet dieses 10min und wendet es dann, um auch die andere Seite ein paar min zu rösten. Voilà: Die Rösti ist fertig.

Do 4. November 1999 95. Tag

Göreme-25 Km vor Kayseri 70 Km T: 4936.2 Km

Nach dem Essen (Champignonsuppe) ging ich für 60 min laufen. Diesmal machte ich einen anderen Weg, der aber genau so toll war. Um 12.00 Uhr - ein wenig spät - fuhr ich dann los in Richtung Osten. Bei einer Tankstelle versuchte ich, draussen zu schlafen. Ich wachte vor Kälte um 1.00 Uhr morgens auf. Danach war an ein Schlafen nicht mehr zu denken. Das war auch nicht mehr möglich, da mich die Jungs der Tankstelle ein wenig ärgerten. Ich versuchte es, mir nicht anmerken zu lassen, das sie mir langsam auf den Wecker gehen, wenn Sie mir immer Zigaretten anbieten wollten. Sie versuchten auch immer, über Gott zu sprechen, und es war gar nicht immer einfach, das Thema zu wechseln. „Was, Du rauchst nicht, trinkst keinen Alkohol? Das ist verdächtig." So kam mir das ein wenig vor. Ich muss wohl noch mehr aufpassen, was ich sage und wie ich was mache. Hier ist mir zum Glück nicht viel passiert, aber die Leute sind auch nicht so extrem fanatisch.

Fr 5. November 1999 96. Tag

25 Km vor Kayseri-Pinarbasi 126.83 Km T: 5063.1 Km

Um 6.45 Uhr morgen begossen mich die Jungs als Abschiedszeremonie mit Wasser. Schön und gut, doch ich glaube, sie machten es nicht aus guter Absicht heraus. Sie wollten mich ein wenig ärgern, was Ihnen auch geglückt ist. Ich sagte zwar nichts, sondern fuhr einfach weiter. Doch bei dieser Kälte ist das nicht so witzig, wie ein nasser Pudel durch die Gegend zu fahren. In Kayseri erledigte ich ein paar Dinge. Ich organisierte ein Plastikrohr und ich fand ein tüchtiges Schneiderlein. Wofür aber braucht man ein Plastikrohr und einen Schneider? Darauf kommt man nicht so schnell!!! Aber meine Fahnen sind schon x-mal gebrochen. Nun habe ich genug vom reparieren. So machte der Schneider mir die Flaggen an das Kunstoff-Rohr, das ich in zwei Hälften schnitt. Nun ist es eine saubere Lösung. Und das Ganze machte er umsonst und offerierte mir sogar noch Tee. Nun, ich werde jeden Tag mehr und mehr von den Leuten überrascht.

Nun ging's wieder aufwärts bis auf 1700m und dann ein wenig runter auf 1550 m. In Pinarbasi durfte ich draussen meine Hängematte aufstellen. Das wurde eine extrem kalte Nacht. Mit Unterwäsche, Seidenschlafsack, Schlafsack und der Notdecke fror ich trotzdem. So schlief ich nur bis 5.30 Uhr

Sa 6. Nov 1999 97. Tag

Pinarbasi-Gürün 103.94 Km T: 5167 Km

Als erstes suchte ich ein Restaurant, in dem ich mich aufwärmen konnte. Dort trank ich einen Tee, der aber voll bitter geworden war. Ich verstehe nun, wieso dieser Tee mir immer auf den Magen geht. Die Türken bereiten den Tee völlig falsch zu: Man benützt dazu 2 Krüge einen grossen mit etwa 1,5 Liter Wasser, das man zum Kochen bringt und darüber hat man einen kleinen Krug mit etwa 0,5 Liter Wasser und Tee. Sobald sich der Schwarztee im oberen Krug setzt, ist der Tee bereit. Da das Ganze sehr lange dauert und man den Tee den ganzen Tag im Krug stehenlässt, wird er sehr bitter. Man nimmt auch nur ein wenig Tee vom oberen Krug und fügt dazu das Wasser vom unteren dazu. Damit dieser Tee überhaupt trinkbar gemacht wird, muss man viel Zucker einfügen. Der Türke fügt etwa 3 Würfelzucker bei. Es ist aber schwierig, einen Tee abzulehnen, und man sollte das auch auf keinen Fall machen. Doch mir ist klar, dass man diesen Tee auf keinen Fall auf leeren Magen trinken sollte. Ein Tipp: Langsam trinken, sonst wird sofort nachgeschenkt. Dann kann es vorkommen, dass man 20 Tassen dieser ungesunden Brühe trinkt. Nun während ich das schrieb hat mir jemand einen Tee serviert. Krass. Ich bewältigte Heute 2 Pässe. Einer 1930m und der andere 1800m hoch. Der tiefere war der schwerere. In Gürün ging ich ins Hotel. Hatte genug vom draussen schlafen.

So 7. November 1999 98. Tag

Gürün-Balaban 55.59 Km T: 5222.6 Km

Ich ging 90 min. Laufen. Auch diese Strecke war genial; der Weg führte durch einen Canyon. So macht Laufen Spass! In Istanbul, wo der ständige Lärm einen umgibt, herrscht nicht das Klima zum Laufen. Solche Orte sollte man als Marathonstrecken benützen. Ich ging den restlichen Tag dann sehr gemütlich an, da ich ja wusste, dass Malatiya 150 Km entfernt war und ich dafür 2 Tage Zeit hatte. Ich beschloss, wenn ich in Malatiya wäre, ein Internetcafe zu suchen und mit dem Bus nach Nemrut Dag zu fahren, da die Strecke mit dem Rad einen Umweg von etwa 3-4 Tagen bedeutet. Und ich habe wahrlich nicht mehr viel Zeit, wenn ich dem Schnee entfliehen möchte. In einem Dorf, das man vermutlich auf keiner Karte findet, fand ich in einem sich noch in Bau befindendem Haus Unterschlupf.

Mo 8. November 1999 99. Tag

Balaban-Malatya 97.66 Km T: 5320.4 Km

Ich musste 4 Pässe überqueren bis nach Malatya. Das war verrückt herrlich. Man sah riesige Canyons. Ich verstehe fast nicht, dass es hier nicht so touristisch ist. Nun, eigentlich, wenn ich ehrlich bin, ist es auch viel besser so. Ich konnte das ganze Naturschauspiel für mich alleine geniessen. Ich stelle mir so in etwa den Grand Canyon vor. Der erste Pass war auf 1780m, der zweite auf 1650m, der dritte auf 1800m und der letzte 1400m. Malatya liegt auf 964m. So ging's rauf und runter. Um 14.00 Uhr war ich in Malatya. Dort schrieb ich die Berichte. Was eine Arbeit von 4 Stunden war. Nun werde ich schauen, dass ich das Rad für ein paar Tage unterbringen kann und dass ich einen Bus finde, der heute Nacht noch nach Nemrut Dag fährt.

So suchte ich als erstes eine Möglichkeit, das Liegerad an einem sicheren Ort unterzubringen. Beim Internetcafe fragte ich die Leute, ob sie einen Ort wüssten. So war jemand so freundlich und fuhr mit dem Rad voraus zu einem Autoparkplatz. Dieser wird 24 Stunden bewacht. Die Leute dort luden mich auf einen Tee ein und später brachten sie mich zu einem günstigen Hotel, da es heute keine Busverbindung mehr Richtung Nemrut Dag gab.

Di 9. November 1999 100. Tag

Mein 100. Tag. Eine unglaubliche Story!?!

Ich fragte mich, wie ich am besten nach Nemrut Dag komme. So kam es, dass ich nach einigen Minuten und einem Tee im Ortsbus sass, der zum Busterminal fuhr. Dort nahm ich den Bus nach Adiyaman, das 180 Km entfernt liegt. Das war eine phantastische Fahrt. Einmal eine Fahrt mit dem Bus in der Türkei ist ein Erlebnis, das man unbedingt machen sollte. Es ist übrigens sehr günstig. Ich bezahlte gerade einmal 5.-Fr. Der gleiche Bus fuhr dann noch weiter nach Kahta, das nochmals 35 Km entfernt liegt. Dort schaute ich mich um nach ein wenig Proviant. Ich wurde jedoch sehr schnell von zig Leuten umgeben, die mir eine Nemrut Dag-Tour anbieten wollten. Ich versprach, dass ich nach dem Einkaufen das Tourristoffice aufsuchen werde und dann weitersehe, was ich machen will. So trank ich meinen x-ten Tee und nicht den letzten für heute. Der junge Typ wollte mir eine Riesentour verkaufen, die mich etwa 50.-Fr. gekostet hätte. Ich beharrte aber darauf, dass ich das nicht will, sondern nur mit dem Minibus zu einem Dorf namens Karatut fahren - dem Ausgangspunkt für den Bergpfad zum Gipfel. Um 14.00 würde der Bus fahren. Somit hatte ich also noch genug Zeit, um im Internetcafe noch Mails zu schreiben. Und dort bemerkte ich, dass mir die Jacke fehlt. Ich wusste nicht mehr, wo ich sie liegengelassen hatte. Es gab so viele Orte, an denen ich gewesen war. Als erstes fragte ich bei einem Büro nach, das Bustickets verkauft. Dort gab es Leute, die Englisch sprachen und mir halfen, die Orte aufzusuchen, an denen ich gewesen war. Ohne Ergebnis. Ich wusste ganz einfach nicht, wo ich die Jacke liegengelassen hatte. Es war möglich, dass sie noch im Bus war. So rief einer der Leute das Busunternehmen an. Die wussten von nichts und sagten, ich sollte später nochmals anrufen, da der Bus noch unterwegs wäre. So wartete ich, ging ein wenig herum sprach mit ein paar Leuten. Um 16.30 Uhr rief nochmals jemand für mich das Busunternehmen an. Es hiess, dass 2 Türken meine Jacke nehmen würden. Sie fuhren nach Kahta, um sie mir zu bringen!! Ihr könnt euch denken, was ich dachte. Ich wusste nicht, wer diese Türken sein könnten, die sich als meine Freunde ausgaben. Wahrscheinlich sahen sie, dass ich die Jacke liegen gelassen hatte und nahmen sie nun an sich. „Die Jacke werde ich nicht mehr sehen," dachte ich. Nach diesem Schrecken ging ich mit den Leuten, die mir geholfen hatten, essen. Es waren Lehrer (Englisch und Psychologie). Ich versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Ich kann ja wieder eine kaufen - zwar nicht so eine gute, doch na ja, wird schon gehen. Plötzlich kamen die 2 Leute, die mir vor Stunden geholfen hatten, die Jacke zu suchen, aufgeregt ins Restaurant. Sie hätten meine Jacke in Malatya abgeholt. Und sie dachten, dass ich ohne bestimmt friere. Ich konnte es nicht für möglich halten. Ich war überglücklich. Für den Rest des Abends wurde ich auch noch eingeladen. Es war eine arme Familie. Ich lud meinen neu gewonnen Freund ein, mit nach Nemrut Dag zu kommen. Ich würde alles bezahlen. Bus, Essen und Übernachtung.


Nemrut Dag

Mi 10. November 1999 101. Tag

Besteigung des Nemrut Dag 2150 m

Um 6.00 Uhr stand ich auf. Mein Begleiter erhielt eine schlechte Nachricht: Sein Onkel wäre sehr krank, somit kann er nicht mitkommen. Nun, ich gab ihm einen Finderlohn und er begleitete mich noch ins Zentrum. Nun als erstes kaufte ich Proviant ein, und danach erkundigte ich mich nach der Busverbindung. Der Bus fährt um 14.00 Uhr, somit hatte ich noch genug Zeit. Im Internetcafe schrieb ich noch ein paar Mails. Der Bus fuhr ziemlich pünktlich ab. 1 Stunde und 15 Minuten später war ich in Karadut. Die Cafeteria wäre 2 Stunden Fussmarsch entfernt, sagte man mir. Ich solle doch besser im Dorf übernachten. Nein, das wollte ich nicht, da ich unbedingt den Sonnenaufgang miterleben wollte. So machte ich mich bereit zum Aufstieg. Nun, es war eine Strasse, die bis zum Refuge führte. Eigentlich kein Problem. 45 Minuten lief ich im Dunkeln hoch. Doch das war nicht der Rede wert. In der Cafeteria wurde ich herzlich empfangen. Die Leute staunten, als ich mir ein Müsli zubereitete, und so assen sie begeistert mit. Ich zeigte ihnen mein Photoalbum und der Wirt schenkte mir verschiedene Postkarten vom Nemrut Dag. Der Ticketverkäufer wollte nicht kleinlich sein und erliess mir die Eintrittsgebühr. Schlafen konnte ich dann auf zwei Bänken, die ich zusammenstellte und mit Teppichen belegte. So hatte ich genug warm.


Nemrut Dag

Do 11. November 1999 102. Tag

Besichtigung des Nemrut Tempels.

Um 4.45 Uhr stand ich auf, wollte schliesslich den Sonnenaufgang miterleben. Und das hat sich gelohnt. Eine riesige Tempelanlage. Die Inschriften sagen, dass der König alle Götter gleichermassen verehren wolle, und so hat er einen wahnsinnigen Tempel gebaut. Er ist auf zwei Seiten geneigt, dem Westen gleichermassen wie dem Osten. Ich war erstaunt über das Werk. Ich war ganz alleine auf dem Berg. Das war das Schönste daran. Es gab Schilder, dass man die letzen 50m nicht ersteigen sollte. Nun, das war bestimmt so ein Sesselfurzer, der glaubt, dass wenn man schon 1150m hochstieg, die letzen 50m einfach so stehen lässt. NEIN: Kein Verbot hinderte mich daran, den Berg zu erklimmen. Wenn er zumal auch noch so leicht ist wie dieser. Bei der Cafeteria bezahlte ich noch die Nacht. Und dann stieg ich ab. Auf 1900m blieb ich auf einem Pflasterstein hängen, verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte ein paar Meter weit. Dabei zerriss ich die Jacke. Das linke Bein schmerzte gewaltig, doch es war nur eine Prellung. Aber der Höhenmesser, den ich in der Hosentasche hatte, war zerdrückt. Das Gehäuse war im Eimer und die Vakuumtrommel war leck. Nun, das konnte man nicht mehr reparieren. Ich stieg mit einem schmerzendem Bein runter. Jeder Schritt war qualvoll, doch nach zwei Stunden war ich unten. Ich sah beim Hotel zwei Busse mit der Aufschrift "Katha". Ich fragte, ob der Bus mich mitnehme. Der Türke sagte "OK, steig ein, wir nehmen dich ein Stück mit". Doch dann kam eine Europäerin, die hochnäsig sagte, das wäre ein Privatbus und ich könne nicht mitfahren. Nun, ich ging. Wieder zeigte sich, wie freundlich doch diese Leute hier sind und wie unfreundlich wir Europäer dagegen sind. Ich schämte mich sehr, ein Schweizer zu sein. Und eins ist klar: Wenn jemand was braucht, werde ich versuchen, das Beste zu geben und der Person zu helfen. Denn ich brauchte so viele Male Hilfe und ich sah, wie hilfsbereit die Leute waren. Sie liessen alles stehen und liegen, um zu helfen. So was verstehen wir vielleicht nicht. Nun, ich fange lieber gar nicht an zu kritisieren. Fakt ist, dass ich meine Zukunft nicht mehr so schnell in der Schweiz sehe. Dort hält mich nichts, was ich machen könnte. Hier bin ich ziemlich frei und gestalte mein Leben vielfältig. Es gab nur wenige schlimme Stunden. Und ich war bis jetzt sehr froh, dass ich unterwegs bin. Nun, so lief ich also weiter und alsbald hielt ein Auto. Das nahm mich für sehr wenig Geld nach Katha. In Katha fand ich einen Schneider, der mir die Jacke perfekt nähte. Mit dem Minibus fuhr ich dann nach Adiyaman, wo ich umstieg. In Malatya ging ich zum Auto-Park, wo ich nach dem Rad sah. Es war noch dort und alles war OK. Ich trank ein paar Tees und ging danach in ein Internetcafe

Fr 12. November 1999 103. Tag

Malatya Ruhetag

Ich liess 2 Filme entwickeln; einer davon war defekt. Schade, das war der erste Film. Ich vermute, dass Salzwasser den Film zerstörte. Der andere war ganz OK. Ein paar Bilder von Kapadokia und Nemrut Dag. Die entwickelten Photos schickte ich nach Hause. Es werden dann vielleicht bald ein paar Bilder auf der Homepage erscheinen.

Sa 13. November 1999 104. Tag

Malatya-Elazig 112.32 Km T: 5434.1 Km

Früh morgens verabschiedete ich mich vom Wachpersonal des Parkplatzes. Es waren sehr viele Polizisten versammelt. Die Strecke bis Elazig zog ich beinahe an einem Stück durch. Ich machte nur ein paar Pinkelpausen. Ich begegnete auch vermehrt Militärkontrollen, die mich jedoch nur verwundert passieren liessen. Ich musste nicht mal gross stoppen. Doch es ist schon ein mulmiges Gefühl, wenn du an einem dieser Panzerkonvois vorbeifährst.

In Elazig kaufte ich im Migros ein paar Sachen ein. Doch ich wurde nur blöde angestarrt, als ich nach Schweizer Käse fragte. Es ist nämlich so, dass die Türken glauben, die Migros ist eine Erfindung der Türken.

Ein paar Km weiter machte ich Halt bei einer Tankstelle. Dort reinigte ich wieder einmal die Kette. Das war sehr nötig, da der Bikeshop in Ankara ein fettiges Kettenöl verwendete. Die Kette zog nun den ganzen Staub und Dreck an. Noch nie war die Kette so verschmutzt gewesen wie dieses mal. In der Tankstelle war Mehmet, ein Kellner. Er erzählte, dass es im hier ganz gut gefällt, jedoch wäre er froh, wenn er mehr Freizeit hätte. Und da ist er kein Einzelfall. Es ist nämlich so, dass er von morgens um 6.00 Uhr bis abends um 11.00 Uhr arbeitet und das 6 Tage die Woche. Für weniger als 200.- Fr. und Kost und Logie. Nicht der Haufen. Von Freizeit und Sport oder Kollegen treffen oder mit einem Mädchen ausgehen kann keine Rede sein. Mehmet ist auch erst 17 Jahre alt, wobei es natürlich Kinder gibt, die mit 10 Jahren schon arbeiten wie Erwachsene. Was man auch viel sieht, sind Kinder, die mit 8 Jahren oder schon auch früher zur Zigarette greifen. Ich sah praktisch keine Nichtraucher, allerdings rauchen die Frauen nie.

Irgendwie nickte ich dann während dem Fernseh schauen ein. Mehmet weckte mich und führte mich in seine vier Wände, wo ich dann kurzerhand wieder einschlief.

So 14. November 1999 105. Tag

Elazig-Sarican 99.2 Km T: 5533.3 Km

Ich habe mich langsam an die Kälte gewöhnt und friere nicht mehr so schnell. Wenigstens empfinde ich es so, während ich fahre. Bei einer verlassenen Tankstelle machte ich dann Halt. Dort ass ich ein Birchermüesli. Die Zutaten mische ich selbst, da, würde ich ein Müsli kaufen, es um ein Vielfaches teurer käme. Die Strasse wurde zunehmend steiler und ich kroch wieder mit 11 Km/h die Berge hoch, die kein Ende nehmen wollten. Bei einem Restaurant traf ich einen kurdischen Jungen, der wieder nach Deutschland will. Er versuchte es schon über die Grüne Grenze, nach Jugoslawien und per Flugzeug und Auto nach Deutschland. Das kostete 2000 Mark und 10 Tage in Belgrad im Gefängnis. Nun versucht er, mit einem falschen Pass nach Deutschland zu kommen, wie viele andere wohl auch. Es gibt anscheinend noch eine dritte Möglichkeit: Wenn man der Botschaft genug Geld gibt, bekommt man ein Visum.

Bei einem Krämer in einem 2000 Seelendorf kaufte ich ein Brot, Käse, Tomaten und Paprika ein. Damit machte ich mir ein Sandwich. Ich sah, dass er einen Raum hatte, wo ich eventuell übernachten könnte. Als ich ihn fragte, schickte er mich ins Dorf. Ich war erstaunt, weil es schon lange nicht mehr vorgekommen war, dass ich nicht aufgenommen wurde. Also ging ich ins Dorf und dort sprachen mich Kurden im perfektem Deutsch an. Ich erzählte ein wenig von meiner bisherigen Tour und so kam es, dass ich Gast bei ihnen wurde. Es waren Cousins, die beide schon in Deutschland waren. Der Eine war sogar verheiratet mit einer Deutschen. Sie haben zusammen auch eine 3-jährige Tochter. Aber mit der Ehe klappte es nicht - der Kulturunterschied ist zu gross. Die kurdischen Frauen arbeiten sehr viel und verrichten viel Handarbeit: Sie stricken Socken etc., knüpfen Teppiche, kochen, sorgen für die Tiere, machen Joghurt und Konfitüre etc. und sind ausserdem verantwortlich für die Kinder. Ein Mann ist hier nicht viel Wert ohne eine Frau. Nun, ich sehe die Frauen so, wie unsere Grossmütter oder die Frauen, die man in der Schweiz auf dem Land antrifft. Als die Deutsche Frau, die eine ganz andere Kultur in der Grossstadt hatte, nun also mit ihrer Tochter in das kurdisches Bergdorf kommt, hatte sie natürlich den absoluten Kulturschock. So kam es, dass die zwei Welten, die zusammenstiessen, sich auch wieder trennten. Und jeder denkt vermutlich: „was für eine verrückte Sache, dass wir heirateten!" So verrückt kann das Leben sein. 

Ich hatte einen tollen Abend. Man bot mir an, eine hübsche, tüchtige kurdische Frau zu suchen und ich könne dann bei ihnen bleiben. Nun - so verlockend und nett das Angebot war, ich habe noch eine andere Aufgabe zu erfüllen, bevor ich mich niederlasse. Die Frauen schenkten mir noch selbst gestrickte Socken. Mann war ich froh, da meine wirklich zu dünn sind und ich mit den neuen nicht mehr frieren muss.

 Mo 15. November 1999 106. Tag

Sarican-Bingöl-Solhan 98.53 Km T: 5631.9 Km

Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg. 13 Km weit mit 10 Km/h den Berg hoch kriechen. Dabei begegnete ich den ersten Panzern. Von 1800m ging es dann 30 min nur runter - das war toll! Mein Tacho zeigte eine Geschwindigkeit von 66 Km/h. 10 Km nach Bingöl machte ich Halt bei einem Restaurant. Dort brachte ich das Tagebuch auf den neuesten Stand. Die Leute waren nicht so freundlich. Der eine wollte unbedingt meine Sonnenbrille. Ich erklärte, dass ich diese brauche, da ich sonst Probleme mit den Contactlinsen hätte, da der Staub ungehindert in die Augen geschleudert würde. Er könne sich aber ein schöne Ansichtskarte aussuchen. Darauf meinte er, ich könne diesen Scheiss selbst behalten. Nun dazu gibt's wohl nichts mehr zu sagen. Auch bei der dritten Militärkontrolle musste ich nicht anhalten. Langsam verliere ich den Respekt gegenüber diesen Kontrollen. Ich hatte es mir extremer vorgestellt. Ich sah die ersten schneebedeckten Berggipfel. Wäre grossartig, diese Gipfel mit dem Board runter zu snöben. Werde wohl in Iran dazu Gelegenheit haben. In Solhan fand ich dann ein Hotel und wollte wieder mal Ruhe haben. Doch ein Typ quatschte mich den ganzen Abend mit irgend einem Müll voll. Ich hörte gar nicht zu, sondern sagte nur "Ja" und "OK".


Blick auf Tatvan

Di 16. November 1999 107. Tag

Solhan-Mus-Tatvan-Van 144 Km T: 5776 Km

Es ging auch diesen Morgen die ersten 10 Km hoch; auf 1640m. Dann an einer Militärkontrolle vorbei gehuscht und mit 60 Km/h den Berg runter geflitzt, und um 9.00 Uhr war ich schon 50 Km weiter. Ich wollte unbedingt noch Tatvan erreichen. Es gab eine Hochebene; dass war wieder einmal eine Abwechslung. 90 Km konnte ich ein wenig schneller fahren. So durchfuhr ich mit bis zu 35 Km/h die geraden Stücke. 40 Km vor Tatvan war es dann für 16 Km wieder steil. Die Polizeikontrolle in Tatvan hielt mich an. Wir unterhielten uns, und ich war erstaunt, das sich die Leute an mich erinnerten. Und mich im Fernsehen schon gesehen hatten. Ich begegne fast jeden Tag Leuten, die mich aus den Massenmedien kennen. Nun, die Polizei meinte, dass die Fähre nur für das Militär fahre. Ich wollte mich aber selbst erkundigen und ging runter zum Hafen. Beim Pförtner trank ich dann den obligaten Tee und ich erfuhr, dass noch diesen Abend eine Fähre nach Van fährt. Die Fähre wurde beladen mit Militär-Jeeps und Kohle. Es gab auch ein paar Zivilisten und es war kein Problem mitzufahren. Probleme kennt man hier fast keine; man versucht sie immer irgendwie zu lösen. Nicht immer auf die beste Art, doch irgendwie geht es immer. Obwohl ich jeden Tag sehr viele Panzer sehe und Militärkontrollen passiere, sieht man hier keine zerstörten Häuser oder sonstigen Schäden, die auf einen Konflikt oder Krieg hätten schliessen lassen. Man sagte mir, dass die PKK nun wie Schafe ohne Hirten zerstreut sei. Manche befänden sich im Iran und andere im Irak und weitere sonst wo. Ich hatte diesbezüglich auch nie irgendwelche Probleme, obwohl die Menschen hier mehrheitlich Kurden sind und selbst sagen, hier sei Kurdistan und nicht mehr die Türkei. So fragen sie nicht "gefällt dir die Türkei?", sondern "gefällt dir Kurdistan?". Für mich ist das egal. Ich passe mich dem Spielchen an und sage je nachdem das Eine oder andere.

Um 20.00 Uhr legte die Fähre dann ab und 5 Stunden später war ich in Van. Man braucht Mut, wenn man mit dieser Fähre fährt. Denn es ist ein alter, rostiger Kann, an dem schon einiges nicht mehr so dem Standard entspricht. Wäre es ein Auto - bei der nächsten Kontrolle käme es nicht durch.

Mi 17. November 1999 

In Van 

In Van angekommen, trank ich mit den Studenten, die ich in der Fähre angetroffen hatte, noch einen Tee in der Hafenkneipe. Dann machte ich mich auf Richtung Zentrum. Es war 1.30 Uhr morgens - eine schöne Zeit, um Rad zu fahren. Man hat endlich Ruhe und die Atmosphäre ist gespenstisch ruhig. Man sieht nur wenige Schatten umher huschen. Eine Zeit, die mir sehr gut gefällt. So fuhr ich etwa 30 Minuten herum und fand schliesslich ein Bäckerei. Gut, dachte ich, da ich noch nichts zu Abend gegessen hatte und kaufte ein Brot. Dazu wurde ich schliesslich zum Tee eingeladen. Ich hatte noch ein Stück Käse, und so war es eine ausreichende Mahlzeit. Es war sehr interessant, die einzelnen Arbeiten der Leute zu sehen. Ich möchte hier an dieser Stelle eine kurze Beschreibung liefern, wie ich es sah. Vermutlich würde ein Bäckermeister nun ab dieser Schilderung den Hals vor Lachen krümmen. Na ja, ich komme halt von einer anderen Branche. Nun; es gab 3 Räume. Der Verkauf mit Kasse etc. Die eigentliche Bäckerei mit 2 Elektro-Öfen. Und die Teig-Kneterei. Ich fange an mit dem Teig. Dort arbeiten 3 Leute wie Roboter. Zuerst sieht es noch friedlich aus. Sie mischen den Teig - etwa 250 Kg. Dann werden 3 verschiedene Arbeiten verrichtet. Das Teig stechen, Kontrolle der Maschine und denn das Teig-auf-die-Bleche-legen. Der „Teigstecher" schneidet den Teig, der in einer Wanne ist. Es sollten etwa 230g sein. Er wirft den Teig in eine Walze, die den Teig wie einen Tennisball formt. von der Walze kommt der Teig in eine Maschine, die etwa 30 Stangen hat, die sich drehen. In jeder Stange sind etwa 15 kleine Schüsseln befestigt, die den Teig auffangen. Wie das Ganze verteilt wird, konnte man nicht sehen. Aus den Schüsseln kommt der Teig zu einer anderen Walze. Dort steht ein Mann, der alles kontrolliert und mit dem (Ausschuss) eine andere Art von Brot macht. Er formt 5 Kugeln und legt sie auf das Blech. So entsteht ein Kranz. Oder er fertigt einfach eine tellerartige Teigform, die er ebenfalls auf ein Blech legt. Die Walze formt den runden Teig zu einer Wurst. Den wurstförmigen Teig nimmt ein anderer Mann und legt sie auf ein Blech, das für 12 Teige reicht. Das Blech schiebt er in einen Karren, der Platz bietet für 16 Bleche. Nun beginnt die Arbeit des Ofenchefs. Er nimmt den Karren und führt ihn zum Kühlschrank. Auf der anderen Seite nimmt er einen Karren, der schon eine Weile im Kühler war. Nun macht er in alle Brote einen Querschnitt und schiebt er den Karren in den 346 Grad warmen Ofen. Der Teig wird mit Wasser bespritzt und 16 Minuten gebacken. Der Ofenchef bedient 2 Öfen. Wenn die Brote fertig gebacken sind, werden sie in den Verkaufsraum gestellt. Dort nimmt ein Junge die Brote und legt sie in Kisten. Später werden die Kisten von den Fahrern abgeholt, eingeladen und zu den Märkten verteilt. Ein 230g Brot wird dann für 45 Rappen verkauft. Es war sehr interessant, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen. Und so blieb ich bis 6.00 Uhr. Später schrieb ich noch Berichte im Internetcafe. Ich wusste nicht so recht, was ich heute noch machen sollte. Ich ging zur Touristinformation die nicht viel mit mir anzufangen wusste. Da werden Leute beschäftigt, die noch keinen einzigen Platz gesehen hatten, für den sie werben. Das sind keine grossen Hilfen. Wenigstens wusste einer, wo ich das Rad für ein paar Tage hinstellen konnte, nämlich bei einem Teppichverkäufer. Ich dachte, dass ich vielleicht noch eine Sehenswürdigkeit besichtigen könne. Doch es stellte sich als sehr teuer und zeitaufwendig heraus. Und Geld hatte ich ebenso wenig wie Zeit. Als entschied ich mich, in Van zu bleiben. 1 oder 2 Nächte. Die Leute grüssen mich die ganze Zeit. Kinder kommen und verfolgen mich, betteln und halten mir die Hand. Ich versuche dabei, die Kinder nicht zu verjagen oder anzuschreien. Beides bringt nichts. Ich lasse sie betteln und lächle sie an, sage danke und nein. Meistens gehen sie nach 5 Minuten von selbst oder werden von den Erwachsenen weggeschickt. Ich glaube, dass ich so am wenigsten Probleme habe. Es gefällt mir ja auch nicht, bettelnde Kinder zu sehen. Doch helfe ich ganz bestimmt nicht, wenn ich ihnen Geld gebe. Es gibt Länder, da werden Kinder zu Krüppeln gemacht, damit man ihnen Geld gibt. Nein, ich würde so was nur unterstützen, gäbe ich Geld. Natürlich will ich das nicht. Ich werde auch viel von Kindern nach Zigaretten gefragt. Nun, ich rauche nicht, und darüber bin ich sehr froh. Ich habe jahrelang geraucht und muss nun täglich sehen, dass es besser ist, nicht zu rauchen. Ja, ich habe in keiner Stadt zuvor so viele bettelnde Leute gesehen wie in Van. Ich kann fast keinen Schritt unbeobachtet tun. Da gibt es Leute, die wollen ihr englisch an mir ausüben. Na ja so, ging ich halt mit den Jungen einen Tee trinken. Merkte aber bald, dass er mich mehr als Sponsor ansah, der ihm den Abend bezahlen sollte. Nein, Junge bei aller Freundlichkeit! Eine Stunde - OK. Aber den dummen Touristen möchte ich nicht zu lange spielen. Ich wusste nun, dass ein Tag Van ist genug ist. Morgen fahre ich weiter !!! 

Do 18. November 1999 109.Tag 

 

Van-Ötzalp-Saray 82.54 Km T:5873.1 Km 

Ich weiss nicht, ob ich schon über die „Van Katze" was geschrieben habe. Nun, das ist eine ganz spezielle Rasse. Sie ist schneeweiss und hat zwei verschiedene Augenfarben. Das eine Auge ist gelb und das andere blau. Ich sah die Katze in einem erbärmlichen Zustand. Sie sass in einem Vogelkäfig in einer Tierhandlung. Nun gut, ich ging am Morgen noch schnell ins Internetcafe und schrieb noch ein paar Mails. Dann ging ich zum Teppichhändler, wo mein Rad war. Ich war sehr froh, die hektische Stadt Van verlassen zu können. Und mein Herz schlug ein wenig höher, als ich die schneebedeckten Gipfel sah. Ich bekam grosse Lust zum Schifahren. Na ja, in Teheran soll es ein gutes Skigebiet geben. Hoffentlich hat es dann auch genug Schnee. Am Abend kam ich in Saray an. Zwei Englischlehrer kamen und halfen mir. Sie luden mich ein, bei ihnen zu schlafen. Sie leben hier ganz spartanisch. Ein Lehrer, der frisch anfängt, hat es hier schwer, da er meistens sehr weit von seiner Geburtsstadt entfernt einen Arbeitsplatz zugeteilt bekommt. Der eine von ihnen hat eine Frau in Ankara, die er nun lange nicht mehr sieht. Die Lehrer müssen dann drei Jahre in dem zugeteilten Ort bleiben, danach jedoch können sie ein wenig freier sagen „ich möchte dort oder dort arbeiten". Doch auch dann ist es immer noch unklar, ob der Lehrer überhaupt dorthin gehen darf. Das Ganze wird kontrolliert vom Staat. Ich dachte, es wäre gut, morgen zwei Stunden mit den Schülern englisch zu sprechen, da es sie eventuell motiviert, mehr englisch zu lernen. 

Fr 19 November 1999 110. Tag 

Saray-Militärgrenze-? 27.66 Km T:5900.8 Km 

Schulbesuch, Sitzstreik und ein Wunder geschieht. 

Schulbesuch in Ostanatolien. Das ist eine witzige Anekdote. Die Schüler warten in Reih und Glied vor dem Eingang der Schule. Jeder bekleidet mit einer blauen Schuluniform. Die Lehrer stehen hinter den Schülern. Dann fangen Sie an, rückwärts zu zählen und wenn dann die Türe geöffnet wird, stürmen die Schüler herein. Es sind aber keine Musterschüler, sondern einfache Bauernsöhne. Es war jedoch schön, mit den Schülern die Zeit zu verbringen. Danach wurde ich von allen Schülern mit Beifall verabschiedet. Ich dachte, dass ich das türkische Geld sowieso nicht mehr wechseln kann und dass ich damit noch Süssigkeiten für die Kinder einkaufen gehen könnte. Es gab mehrere Säcke voll davon. Der Krämer fragte sich wohl, was ist das für ein ulkiger Typ ist, der so viel Schleckereien einkauft. Nun, ich fuhr weiter, die Strasse war sehr schlecht, und ich glaube, wenn ich „Strasse" schreibe, ist das ziemlich übertrieben. An der Grenze hiess es dann, ich dürfe hier nicht einreisen. Es wäre nur mit Cargo möglich. Da war ich nun so weit gekommen und diese Militärs wollten mich einfach nicht durchlassen. Dazu kam auch noch, dass ein enormer Wind wehte. Wenn ich nun zurückfahren müsste, käme ich fast nicht vorwärts und verlöre dadurch kostbare Zeit. Das war ein schrecklicher Moment. Ich versuchte nun alles, um doch noch eingelassen zu werden. Doch auch der Sitzstreik half nicht viel - der Kommandant war stur und die Antwort war "NEVER". Nun wollte er die Polizei holen; die Anklage würde dann lauten: „Ein Schweizer Terrorist machte ein Sitzstreik an der Türkisch-Iranischen Grenze". Na ja, man muss alles versuchen, wenn man nicht viel verlieren kann. Doch wie gesagt: Alles half nichts. Ich musste nach Van zurück. Ich würde bestimmt 5-7 Tage verlieren. Ich betete zu Gott. Das mache ich immer, wenn ich in ganz verzweifelten Situationen bin, und das half bisher immer. Nun wurde ich sehr überrascht. Da kam doch tatsächlich ein VW-Bus aus Deutschland, der zur Grenze fuhr. Ich hielt ihn an und fragte die vier Jungs, ob sie mich mitnehmen könnten. Da auch sie nach Iran fuhren, war das Ganze OK. Das war wirklich ein Wunder, das ich noch nicht ganz fassen konnte. Die Jungs waren unterwegs nach Indien. Sie planen, dass sie etwa ein halbes Jahr unterwegs sein werden. Die Kilometer schossen nun nur so an uns vorbei, und schon war ich wieder in Van. Das ist ganz was anderes mit dem Auto, man verliert das Gefühl der Steigungen und die Natur ist nicht mehr so wichtig. Doch heute war ich froh, mitgenommen zu werden. Wir fuhren bis in die Dunkelheit hinein, dann fanden wir bei einem Bauernhof einen Platz, wo wir den Bus hinstellen konnten. Der Bauer lud uns auch noch zum Tee ein.

Zurück                                         Weiter