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Reisebericht Pakistan 1.Teil


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Do 17.Februar 2000 200. Tag

Taftan-Nokkundi 125.21 Km T: 7827.1 Km

Was für ein Tag - ein ständiger Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Ein hoffnungsloser Kampf, in dem es nur einen Gewinner geben konnte. Und das war ich bestimmt nicht. Er zeigte keine Gnade, sondern lachte mich nur aus. Was für ein Narr ich doch bin, was kämpfe ich gegen Dich an! Er schlug mir ins Gesicht und ich gab auf. Der Wind war zu stark, so schaltete ich einen Gang runter und gab mich mit 18 Km/h zufrieden. Zum Wind kam noch, dass es bergauf ging und die Sonne unbarmherzig auf mich schien. Ein wahrer Segen, dass es unterwegs kleine Hütten gab, in denen ich mich im Schatten erholen konnte. An der Sonne war es 30 Grad, im Schatten etwa 25. Die pakistanische Strasse ist sehr schlecht. Vergleichbar mit einem alten Seeräubergesicht: Voller Narben, Risse und Löcher. Erschöpft kam ich in Nokkundi an, wo ich beim Costumer übernachten konnte. Die Polizisten waren alle berauscht vom Haschischgenuss. Ich trank Tee mit ihnen und sie rauchten ihre Joints. Pakistan ist ein Land, in dem der Hashischgenuss normal zu sein scheint. Es war herrlich komisch, die bärtigen Männer so benebelt zu sehen. Sie gaben mir einen Platz zum schlafen und zu essen. Ich unterhielt mich noch mit einem Afghanen, der mir von seinem Land vorschwärmte.

Fr 18.Februar 2000 201. Tag

Nokkundi-Yakmack 114.19 Km T: 7941.3 Km

Auf dem Bazar kaufte ich 2 Kg Orangen. Die Orangen schmecken hier ausgezeichnet. Noch nie zuvor habe ich so gute Orangen gegessen. Zart und sanft und vom süsslichem Geschmack sind sie. Der Wind, mein Freund, war wieder gegen mich. Ich kam nur langsam vorwärts. 30 Km nach Nokkundi traf ich Paul, einen Australier, der auch mit dem Rad unterwegs ist. Wir assen zusammen Bohnen und Brot und unterhielten uns ein wenig über unsere Reise. Auch er war seit sieben Monaten unterwegs. Am Abend kam ich dann in Yakmack an. Es ist dies ein kleines, niedliches Nest, wo ich in einem Restaurant ass und die Nacht auch gleich dort verbringen konnte.

Sa 19.Februar 2000 202. Tag

Yakmack-Padag 156.79 Km T: 8098.2 Km

Um 5.30 Uhr des Morgens war ich bereits auf der Strasse. Es würde ein langer Tag werden. Es war Vollmond und darum erstaunlich hell. Es herrschte zu dieser Zeit kein Verkehr. Es war jedoch kalt und der Wind blies wieder gegen mich. Um 7.00 Uhr ging dann die Sonne auf. Unspektakulär. Um 9.00 Uhr war ich in Dalbandin, wo ich von einer Menschenschar umzingelt wurde, als ich Brot und ein paar Lebensmittel einkaufte. Ein paar Km ausserhalb Dalbandin machte ich ein Picknick und genoss ein wenig Ruhe. Die Strasse wurde interessanter, kurvenreich rauf und runter, und das Raskohgebirge sorgte für eine spannende Kulisse. Alle 10-20 Km gab es eine kleine Siedlung. Ich sah viele grasende Kamele und hatte grossen Spass an dieser Strecke, an der es auch viele Bäume gab. Außerdem sah ich viele Leute mit glücklichen Gesichtern. Die wenigen Frauen trugen schöne, bunte Gewänder. Sie verdeckten aber ihr Gesicht, sobald sie mich sahen. In Padag konnte ich dann in einem Rasthaus für 1$ übernachten. Am Abend fegte ein Sandsturm über Padag und verdunkelte die ganze Gegend. Ich war sehr müde -nach 8 ½ Stunden auf dem Rad verständlich.

So 20.Februar 2000 203. Tag

Padag-Nushki-? 127.15 Km T: 8225.3 Km

Padag hatte ich schnell hinter mir gelassen. Hoch und runter, dann musste ich eine Baustelle umfahren. Wenn es runter ging, musste ich bremsen, da sonnst die Speichen oder eine Nabe brechen würde von den Schlägen der löchrigen Piste. Kinder begrüssten mich allerorts mit Geschrei, wenn ich in ihr Dorf einfuhr. Ich wollte ein Yoghurt essen, doch scheint es das hier gar nicht zu geben. Mir scheint die Wüste in Pakistan belebter zu sein als im Iran. Es gibt auch mehr Grün und ich sah viele Reisfelder und Bäume. In Nushki machte ich nur kurz Halt, um Nahrungsmittel einzukaufen. Es ging in die Berge hinein, steil hoch. Ja, es war anstrengend; mit dem kleinsten Gang kroch ich die löchrige Strasse hoch. Irgendwo, etwa 30 Km nach Nushki, gab es einen Checkpoint, an dem ich mich in ein Buch eintragen musste. Ich entschloss, die Nacht dort zu verbringen und konnte in einem Raum, der zu einem Laden gehörte, übernachten.

Mo 21.Februar 2000 204. Tag

?-Quetta 112.28 Km T: 8337.6 Km

Ich hörte von vielen Leuten, dass Quetta eine sehr schöne Stadt sei, und ich solle dort im Moslem Hotel übernachten. Ich freute mich also schon auf Quetta. Endlich wieder einmal duschen und rasieren! Dazu Internet und vielleicht sogar ein Kino. Doch zuvor musste ich durch die Berge und ausserdem den Lak Pass überqueren. In Quetta musste ich -zig Leute fragen, wo das Moslem Hotel sei. Es war dann aber eine richtige Enttäuschung. Ein schmutziges Loch wird nun für ein paar Tage mein Zuhause sein. Quetta ist sehr schmutzig, doch auch sehr interessant. Ich fühle mich wohl und ich stürzte mich auf die Früchte, die ich noch nie zuvor gegessen hatte. Ich trank auch ein Getränk aus Zuckerrohr und Karottensaft. Herrliche Gerüche umgeben die vor lauter Leben pulsierenden Strassen. Es gibt Motorrikschhas, Fahrräder, Eselsgespanne, Autos, Lastwagen, Fussgänger und Bettler. Vielleicht noch mehr. Ich traf einen Biker im Hotel, der aus Japan kommt und nach Portugal unterwegs ist. Seine e-mail-Adresse, falls ihr Fragen an ihn habt, könnt ihr auf der Weltumrunderseite sehen.


Bazar in Quetta

Di 22.Februar 2000 205. Tag

Quetta

Ich traf einen Neuseeländer, mit dem ich frühstücken ging: Spiegelei und Brot standen auf dem Menueplan. Ich fand ein Internetcafe, in dem ich 2 Stunden verbrachte. Dann schlenderte ich in den Strassen herum, traf ein paar Afghanen, die Ihre Läden auf dem Bazar haben. Sie scheinen sehr geschäftig zu sein. Ich hörte mir ein paar Stories aus Pakistan an. Wäre es möglich, nach Afghanistan einzureisen? Mal sehen, doch was würde mich erwarten in einem Land, das solange Krieg führte? Ich fühlte mich müde und ging zum Hotel zurück, wo ich mich schlafen legte. Ich hatte eine Lebensmittelvergiftung eingefangen - das Ei, das ich am Morgen verspeist hatte, belam mir sehr schlecht, ich hatte davon starke Bauchkrämpfe und Blähungen. Die Nacht verbrachte ich mehr auf dem Klo als unter der Decke.

Mi 23. Februar 2000 206. Tag

Quetta

Ich ging mit Akihiro, dem japanischen Biker, zum Teehaus. Unterwegs gab ich meine dreckige Wäsche zur Reinigung. Es war eine kleine Baracke, in der ein altes Männlein mit weissen Haaren und einem weissen Bart eine Hose bügelte. Nun, wir tranken im Teehaus, na was wohl, und unterhielten uns über Radfahrerstories. Akihiro traf dreimal den japanischen „Walker", der nach Afrika läuft. Er war früher ein Radfahrer, doch unterwegs wurde sein Rad gestohlen, und da er fand, es gehe ihm sowieso zu schnell mit dem Rad, entschied er halt zu laufen. Wie es möglich sei, durch die kilometerlange, gleichbleibende Strecken zu laufen, fragte ich Akhiro. Ja das hätte er ihn auch gefragt, antwortete dieser. Er sagte mir, dass er immer was neues entdecke: Eine Wolke, eine Gebirgskrete, die er mit den Augen verfolgt, eine spezielle Art von Blumen, einen Vogel, der durch die Lüfte zieht und so weiter. Die Welt offenbare sich in so abwechslungsreicher Art, da gebe es keine Grenze. Ich beneide diesen Weltumläufer. Und ich weiss, er hat recht. Mit dem Rad, das musste ich selbst feststellen, bin ich zu schnell. Ich nehme mir auch zu wenig Zeit und versklave mich dadurch der Zeit.

In einer Bücherei kaufte ich Odysseus von Homer, und ich fand einen Afghanen, der zwei meiner Bücher austauschte. Ich musste natürlich auch ein wenig Cash liegenlassen. Doch der Junge war ganz OK. Ich tauschte auch noch 100$ bei ihm, da er ein ehrliches Gesicht hatte. Für diese beiden Sachen brauchte ich hier 1 1/2 Stunden, doch ich hatte ja auch Zeit, und wir unterhielten uns auch noch über Karachi. Er zeigte mir im „Lonelyplanet" eine Adresse für ein günstiges Hotel.

Im Internetcafe konnte ich dann für 1$ pro Stunde Berichte schreiben. Ich brauchte dazu drei Stunden. Wieso gebe ich mir solche Mühe ? Nun, wer weiss, vielleicht kann jemand aus meiner Reise was lernen - oder vielleicht lacht er sich den Buckel voll über mich. Wäre auch OK. Nun, ich verarbeite so auch das Geschehene und ich habe ja auch Spass am tippen. Also keine Sorge, es folgen noch ein paar Berichte.

Mir gefällt es hier immer besser. Es gibt so viele Sachen zu sehen. Der Polizist auf dem Rad. Die Kinder die auf den Dächern, ihre bunten Drachen steigen lassend. Die Früchteverkäufer mit ihren exotischen Früchten. Die Saftläden, wo ich mir jeden Tag mehrere Gläser voll frisch gepresstem Zuckerrohr-, Karroten-, Orangen- oder Apfelsaft gönne für ein paar Cents. Die bunt bemalten Busse oder die Vespa-Rikschahs. Die schrillen Töne, die man hört, und immer wieder werde ich angesprochen. „Hello, Mister" oder ein „How are you" oder ganz einfach „Thank you". Na ja, die häufigste Frage ist wohl „where are you from?" Es kann nerven, und viele Touristen sagen dann halt mal „from the moon". Ich habe mir auch schon überlegt, die häufigsten Antworten auf die Fragen aufzuschreiben und ihnen dann vor die Nase zu halten. Nein, ich hab's nicht getan; ich nehme ihnen die Fragerei ja nicht übel. Es ist halt schön, seiner Mutti oder seiner Frau sagen zu können: „Ich habe da so einen verrückten Typen aus der Schweiz getroffen, und der Idiot kam mit dem Rad in unser Land! Ich würde natürlich mit dem Bus fahren." So oder ähnlich stelle ich mir das vor. Und, na ja, es nervt, aber ich versuche freundlich zu bleiben.

Ein anderes Thema. Ja, wenn man in Länder kommt, wo einem die Armut ins Gesicht schlägt sollte man sich vorher überlegen, wie man auf Bettler reagiert. Ich sehe so viele bettelnde Kinder, Frauen alte Männer und Krüppel. Soll ich Ihnen Geld geben? Und wenn ja, was bringt es? Ich gebe ihm 10$ - eine riesige Summe hier. Ein paar Tage später wäre er wieder auf der Strasse und vermutlich fünf neue Bettler neben ihm. Gebe ich den Kindern Kugelschreiber, da ich denke, sie könnten schreiben lernen, bin ich mir dann auch sicher, ob sie den Schreiber benützen oder ob der dann nur zu Hause verstaubt oder wieder verkauft wird. Armut bedeutet hier auch eine Art Kreativität, um auf die unmöglichsten Arten zu überleben. Ich denke, dass viele Menschen schlimmer leben als wilde Tiere. Doch wie sollte ich ihnen helfen? Kann ich es überhaupt und möchten es diese Menschen auch, dass ich Ihnen überhaupt helfe? Ich hörte Geschichten, dass Eltern ihre Kinder zu Krüppeln schlagen, nur damit sie durch Mitleid Geld erbetteln können. Gebe ich diesen Kindern Geld, bin ich mitverantwortlich, dass ein noch gesundes Kind eventuell zum Krüppel geschlagen wird und somit keine Chance auf ein ihm würdiges Leben bekommt. Wie Ihr euch entscheidet, wenn Ihr durch arme Länder reist, ist euch überlassen. Es gibt Wege, den Leuten zu helfen. Gebt Kugelschreiber, den Schulen, einem Lehrer, der die Aufsicht hat. Gebt eventuell Medikamente in einem Krankenhaus ab (man sollte jedoch vorher fragen, was sie benötigen). Es gäbe noch so viele Möglichkeiten, zu helfen, ohne das Übel noch schlimmer zu machen. Wie Ihr euch entscheidet, ist euch überlassen - jeder sollte sich aber zuvor ein paar Gedanken zu diesem Thema machen.

Do 24. Februar 2000 207. Tag

Quetta

Ich machte mich morgens wieder im Internetcafe an die Arbeit. Ich weiss nicht, ob ich von nun an einen Leistungsstarken Internetserver finden kann. So machte ich sechs neue Seiten (von Pakistan bis Thailand), als Vorbereitung für die Berichte, mit den dazugehörenden Links. Es war viel Arbeit, und ich wurde nicht mal ganz fertig. Ich muss morgen nochmals aufs Netz. Am Mittag ging ich zurück ins Hotel. Ich muss die Long Lady wieder mal reinigen, schmieren und ihre Schrauben anziehen. Sie hat es mal wider nötig, und eine Spezialbehandlung hat sie ganz sicher verdient. Während ich das Rad reinigte, unterhielt ich mich mit Akihiro. Hasegaa ein sehr freundlicher und weitgereister Japaner, gesellte sich zu uns. Wir unterhielten uns über Politik. Ansichten über China. Ich sagte ihnen, dass sich die westliche Welt nicht damit einverstanden erklärt, was China mit Tibet machte. Natürlich hat sich damals kein Schwanz um Tibet gekümmert. Ein Thema, über das wir uns lange unterhielten und dennoch kann keiner von uns die Zeit verändern oder zurückdrehen. Ja, es gäbe vieles zu verändern (die Eingeborenen vieler Länder wurden versklavt oder um ihr Land beraubt). Es ist ein unendliches Thema. Und so machte das reinigen, schmieren und anziehen der Schrauben Spass.

Wir gingen zum Bazar und machten einen Halt in einem etwas nobleren Chinarestaurant. Hasegaa gefiel mir sehr gut mit seinen Weltansichten. Er ist ein sehr sympathischer, wackerer Kauz. „Erzähl mir was von Deinem Land", bat ich ihn. Seine Augen fingen an zu glänzen. Er liebt sein Land, das merkte ich sofort. „Ja Chriss ( das ist meine Spitzname), du musst mich in Japan besuchen. Japan ist..........." Er hörte nicht mehr auf zu schwärmen über diese Insel. „Doch Chriss die Japaner sind auch alle ein wenig verrückt. Sie haben keine Zeit für ihr Leben. Man arbeitet 70-90 Stunden in der Woche. Viele Jungs, die reisen möchten, müssen ihren Job aufkünden. Einen Monat Ferien zu bekommen ist nicht möglich." Er hofft, dass sich Japan in dieser Hinsicht ändert und die Japaner anfangen, das Leben mehr zu geniessen. He, ich sage Euch, dieser 25-jährige, kleine Japaner machte mich neugierig darauf, einmal Japan zu besuchen.

Fr 25. Februar 2000 208. Tag

Quetta

Mit Akhiri trank ich einen Abschiedstee. Er macht sich nun auf den Weg in den Iran, durch die Baluchistanwüste. Ich gab ihm ein paar Tipps und meine Irankarte und wünschte ihm alles Gute. Bin gespannt, wie seine Reise verläuft. Jedesmal ist es ein wenig schmerzlich, sich zu verabschieden. Besonders wenn man selber der Zurückgebliebene ist. Ich begab mich dann nach langer Zeit wieder einmal zum Barbier, um meine Haare schneiden zu lassen und meinen Wuschelbart zu stutzen. Mein Ziegenbärtchen liess ich mir jedoch nicht abschneiden. Nee, Jungs, da könnt ihr euch noch lange über mich lustig machen - der Ziegenbart bleibt. Määh......

Dann waren meine Schuhe dran. Ich liess sie von einem Afghanen behandeln, der sein Handwerk meisterlich verstand. Danke. Morgen sind sie wieder mit Dreck verhüllt. Na ja. War jedoch wirklich notwendig nach 208 Tagen wieder einmal in sauberen Schuhen zu stecken. Man fühlt sich gleich irgendwie anders mit sauberen Schuhen. Ist euch das auch schon mal aufgefallen? Wäre doch ein Thema für die stumpfsinnigen Talkshows. Verena und Arabella und Meissner und wie zum Henker sie doch nochmals alle heissen. „Wie fühlt ihr euch mit neu geputzten Schuhen?" Oder „mein Partner liebt es, lieber seine Schuhe zu putzen als mit mir zu sprechen". Oder ein anderes Thema „man schaut immer auf die Schuhe der anderen". Sorry, Ihr denkt, Chriss sei nun endgültig reif für die Klapsmühle. Sorry - ich höre auf mit dem Schwachsinn. Doch ihr seht, ich habe genug Zeit, um solchen Quatsch zu denken.

Also, meine Schuhe waren gereinigt und ich fühlte mich doch gleich wie ein Gentleman. Ich belohnte mich mit einem Menü aus Bohnen und Gemüsen. Dann schrieb ich das Tagebuch auf den neusten Stand und sah per Zufall ein Signet, das angab, dass hier ein Cybercafe sei. Ich ging rein und konnte Off-Line tippen. Als ich zum Hotel zurückging, lief mir Akihiro über den Weg. „He, was machst denn Du hier? - Du wolltest doch nach Iran; hast Du Dich verirrt?" Schöne Scheisse; sein Tretlager ist gebrochen, nun muss er bis morgen warten und dann jemanden finden, der es fertigbringt, es zu reparieren. Komm, Akihiro wir gehen mal einen Tee trinken, dann erzähl mir das nochmals in aller Ruhe. Er war also etwa 20 Km weit gekommen, als das Tretlager brach. Einerseits freute ich mich, ihn wieder zu sehen, andererseits tat er mir leid. Doch er nahm es auf die leichte Schulter, wie es sich für einen Biker gehört.

Wir gingen nun zusammen essen. Reis und gekochtes Gemüse - sehr gut. Doch was ist bloss mit meinem Magen los. Ich hatte wieder Krämpfe im Unterleib. Die Nacht war sehr schmerzhaft. Ständig diese stechenden Schmerzen und mehrmals rannte ich aufs Klo. Die Ursache - was ist denn die Ursache? Wenn ich das nur wüsste! Um 4.00 wurde der Schmerz unerträglich. Ich nahm das Wundermittel ein, das mir die zwei Berner gaben, die ich in der Wüste gesehen hatte: Gereinigte Lehmerde. 1 1/2 Löffel in ein Glas Wasser, gut umrühren und in mehreren Schlückchen trinken. So war doch das Rezept. Und siehe, ich hätte es nicht für möglich gehalten, die Schmerzen hörten sofort auf. Doch ich verstehe meinen Körper nun wirklich nicht mehr. Nach einer halben Stunde musste ich mich übergeben - das ist nicht das Ungewöhnlichste. Aber was raus kam, erstaunte mich am meisten. Es war eine durchsichtige Flüssigkeit wie Wasser, die aus mir heraus floss. Was ist nur mit mir los. Ich war erschöpft, doch ich wurde nun von einem starken Juckreiz befallen, einen so starken Reiz habe ich noch nie zuvor erlebt. Ich kratze mich überall und es biss unaufhörlich. Irgendwie bin ich wohl vor Erschöpfung eingeschlafen. Mein Gott, was ist bloss mit mir los. Ist das normal?

Sa 26. Februar 2000 209. Tag

Quetta

Es ist schon eine Art Ritual zwischen mir und Akihiro: Unser Morgentee. Ich war noch erschöpft, doch nach der zehnten Tassen Tee ging's mir schon wieder gut. Ja, ich liebe diesen pakistanischen Tee. Ein süsser Milchtee - ein Traum. Ich brachte einen Film zum entwickeln. 10 Rappen pro Bild. Na, das geht doch noch. Dann mein Morgenspaziergang zum na Ihr kennt mich doch langsam. Ja, richtig, zum Internetcafe, wo ich nun endlich die Homepage so vorbereitet habe, wie ich es will. Ich schrieb ein paar Freunden Mails und freute mich, dass sich auch ein paar Menschen an mich erinnerten und mir mal schrieben. Danke, dass Ihr an mich denkt. Was wäre ich doch ein einsamer Mensch ohne euch!

Die baluchistanische Behörde wollte kein Risiko eingehen und gab mir kein Permit, um durch die Berge nach Karachi zu fahren. „Schauen Sie, es ist einfach zu gefährlich. Täglich treffen Meldungen ein, dass Menschen entführt werden in diesem Gebiet", meinten sie - Ja Mensch, macht denn die Polizei nichts dagegen? Raucht wohl nur afghanischen Hasch. Ach, wäre die Welt doch ein Paradies, wenn es keine Banditen, Strolche, Schmuggler, keine Waffen und nur Friede und Happyness gebe. He, Chriss du träumst wohl wieder einmal. Ja, danke - die Realität sieht anders aus. Gott, lass mich wieder einschlafen und nie mehr erwachen. Nein, Chriss, es muss sein, da musst du durch. Einmal die Scheisse einatmen und dann einfach durchgehen. Der einfache Weg wird vermutlich nicht immer der Beste sein. Sorry, ich schweife wieder einmal vom Thema ab. Ach Jungs, entschuldigt, Ihr wollt meine Philosophie nicht hören da gibt es wohl bessere Propheten als ich einer bin. Ihr seid hier, um was über Pakistan zu erfahren und vielleicht ein wenig über mich.

Nun, so werde ich also den Indus Highway befahren müssen. Ich kann mir denken, dass ich die stinkende Auspuffluft einatmen und um mein Leben fürchten muss bei diesen Zwergenstrassen. Oh Vater - nein Chriss - Take it easy. 10 Millionen Leute und ein paar Zerquetsche warten nur auf dich, dass du nach Karachi kommst, um sie zu besuchen. Ja, Karachianer ich mache mich Morgens auf den Weg zu euch.

Der Film, den ich entwickeln liess, gab ein paar gute Bilder her. Bin erstaunt, dass diese billige Kamera überhaupt ein scharfes Bild erzeugt. Ich schwelgte also in Erinnerungen. Ja, das war Bam. Ich hatte mir eigentlich keine Zeit genommen, es richtig anzuschauen. Obwohl ich zweimal dort war. Schade. Wenn ich vielleicht wieder einmal in den Iran komme, steht die Burg vielleicht schon nicht mehr oder ist voller Touristen. Und das war Esfahan und ach ja, Yazd. Ich wollte nur endlich den Iran verlassen und genoss die Atmosphäre gar nicht mehr, die in Yazd herrscht. Oh und da haben wir den Japaner, der zum Kap der guten Hoffnung läuft. Was für ein Schlitzohr. Der macht's richtig. Guter Junge.

So 27.Februar 2000 210. Tag

Quetta-Dadhar 129.11 Km T:8468.2

Ein neuer Tag hat angefangen und wieder bin ich auf dem Rad. Nun, es wird Zeit euch mal ein paar Fakten über Pakistan aufzulisten. Es leben 138´123´359 (Juli 1999) Menschen auf einer Fläche von 803,940 km2. Ich wollte mich registrieren lassen bei der Polizei, doch da Sonntag war, kam ich vergebens. Werde das in Karachi erledigen. Die ersten 10 Km fuhr ich zusammen mit Akihiro, danach trennten wir uns bei einer Tasse Tee. Es ging ein wenig hoch, auf 1800m zum Bolan Pass. Und dann durch Schluchten hindurch dem Bolan Fluss entlang in Kurven ins Tal hinunter. Eine phantastische Strecke, die ich sehr genoss. Es gab sehr viel Grün. Tomatenplantagen, Reisfelder und viele Bäume. Ich hielt bei einem schönen Dorf und fragte die Leute, ob ich die Hängematte hier aufstellen und die Nacht hier campieren könne. Das war kein Problem. Doch ein Privatleben hatte ich dann keines mehr. Wurde von allen bestaunt, wie ich meine Unterhosen wasche. Sie brachten mir was zum Essen, und als es dann dunkel wurde, durfte ich alleine die Nacht und die Moskitos geniessen.

Mo 28.Februar 2000 211. Tag

Dadhar-Sibi-Bellpat 100.61 Km T: 8568.9 Km

Immer weiter, von Dorf zu Dorf, und dann kam Sibi. Ich ass Dahl (Linsengericht) und sah, dass ich Sibi umfahren kann, was ich auch machte. Ich sah viele Kamelkaravanen und überlegte wie es wäre, auf einem Kamel durch das Land zu reiten. Ich müsste lernen, wie man mit diesen riesigen Tieren umgeht, doch das wäre bestimmt nicht so kompliziert. Aber was mag so ein Tier hier kosten ? Die Idee würde mich sehr reizen. Ich hielt an vielen Teehäusern, die an der Strasse gelegen sind und genoss ein wenig Schatten. Das Thermometer gab an, dass es 32 Grad an der heiss war. Ich traf zwei Schweizer, die mit einem 20 Jahre alter Jeep unterwegs in Richtung Indien sind. Wir tranken Tee und unterhielten uns bis 2.00 Uhr in der Früh. Im Rest-House konnte ich dann übernachten.


Wüstendorf

Di 29. Februar 2000 212. Tag

Bellpat-Jacobabad 89.58 Km T: 8658.9 Km

Die beiden Schweizer hatten eine Digitalkamera dabei und so machten wir ein paar Aufnahmen. So habe ich die Möglichkeit, euch ein paar Bilder zu zeigen. In Gedanken versunken fuhr ich weiter. Ich dachte darüber nach, wie ich es machen könnte, mit einem Kamel zu reisen. Na, wir werden sehen. 20 Km weiter hinterliessen mir die beiden Jungs eine Nachricht auf einem Meilenstein. Darauf stand „gib Gutzi Gruss Lucky und Oek". Es war ein feuchtheisses Klima und der Schweiss rann mir nur so runter. Ich sah viele Vögel und zum erstenmal Wasserbüffel. Ich sehe jeden Tag was neues und ich bin wirklich fasziniert von diesem Land, das so abwechslungsreich ist. Es wurde spät und zu allem Übel hatte ich noch einen Platten am Hinterrad. Scheisse, nun muss ich mich beeilen, da es sonst schwer wird, eine gute Übernachtungsgelegenheit zu finden. Als ich dann weiter fuhr, hielt mich ein Wagen an. Der Fahrer sagte, er hätte ein wahres Paradies erschaffen, ein kleiner Zoo mit diversen Tieren. Ob ich sein Paradies ansehen möchte. Ich ging mit. Na ja, die Vorstellungen vom Paradies sind verschieden. Es wahr ein Gehege, in dem zwei Pferde waren, ein kleiner Affe und ein paar Enten und Hühner dazu. Er sattelte sein Ross und ich konnte ein paar hundert Meter reiten. Auf dem Motorrad seines Bruders ging's nach Jacobabad. Ein nach Exkrementen stinkender Ort. Nichts spezielles. Das schöne war, dass ich einen Ort hatte, an dem ich übernachten konnte. Ich merkte nun, dass die Leute gross angeben, dass die Wahrheit aber ganz anders aussieht. Die Familie war ganz nett: Sie gaben mir einige Tipps und ich konnte zu meinem Erstaunen mit einer 12-köpfigen Gruppe von Frauen sprechen.

Mi 1. März 2000 213. Tag

Jacobabad-Ratobelo 88.14 Km T: 8747.1 Km

Eine Nacht, in der ich nicht von diesen dämlichen Moskitos gestört wurde. Die Pakistani haben einen Trick gegen die Plagegeister entwickelt: Den Ventilator in voller Geschwindigkeit laufen lassen. Das ersetzt die Moskitonetze und bringt dem Elektrizitätswerk Geld. Fast jeder besitzt eine Waffe hier. Und viele Pakistani fahren ein Auto ohne jemals eine Prüfung gemacht zu haben. Das erklärt Ihren interessanten Fahrstil. Soviel zu den herrschenden Bräuchen…

Ich staune immer wieder über die vielfältige Welt hier. Immer wieder sehe ich Neues und bin fasziniert davon. Es ist einfach herrlich. Auf der Farm meiner Gastgeber sah ich ein Reptilartiges Tier, das mit seinem Schwanz Schlangen tötet und das zum Schutz vor Schlangen vor dem Eingang des Geheges festgebunden war. Die Fahrt war sehr abwechslungsreich und obwohl es sehr heiss war, hatte ich auf dem Rad immer einen kühlen Fahrtwind.

Gegen Abend fand ich ein Rest-House, wo ich was zu Abend ass. Der Besitzer war zuerst nicht so froh darüber, dass ich bei ihm schlafen wollte, doch er sah dann ein, dass ich in der Dunkelheit nicht mehr weiterfahren konnte. So liess er mich doch noch bei ihm übernachten. Die Moskitos waren gierig auf mein Blut und liessen mich kaum schlafen. Mein Nachbar, ein Pakistanischer Lastwagenfahrer, holte sich einen runter. Na ja - nicht gerade der beste Ort zum schlafen. Mein Schlafsack war zu warm und ich muss mir unbedingt ein Moskitonetz besorgen. Ich stand auf und ass nochmals eine Portion Dahl. Dann kochte ich Tee und las noch ein wenig Krimi. Und um 1.30 Uhr ging ich dann ins Bett.

Do 2. März 2000 214. Tag

Ratobelo-Larkana-Kakkar 129.74 Km T: 8876.9 Km

Larkana Garden of Sindh stand auf meiner Karte als sehenswerter Ort. Na ja, die Gegend um Larkana ist sehr abwechslungsreich, doch Larkana selbst ist ein dreckiger, stinkender Ort, den ich durchqueren musste. Ich fragte drei Jungs nach dem Weg, doch sie waren wohl gerade high vom Haschischkonsum, sodass sie mir keine Hilfe waren. Typen verfolgten mich auf ihren Fahrrädern und wenn ich stoppte, verursachte ich einen Volksauflauf. Als ich ein paar Süssigkeiten einkaufte, waren alle um das Rad versammelt. Ein Knabe fummelte an der Schaltung herum und ich sagte ihm dreimal, er soll seine Hände davon lassen. Beim viertenmal verpasste ich ihm eine Ohrfeige. Das war das erste Mal, dass ich jemandem eine Ohrfeige gab während der Reise und ich hoffe wirklich, dass ich das nicht nochmals machen muss. Doch nach der Ohrfeige berührte keiner mehr das Rad. Ich war dann froh, aus Larkana raus zu kommen. 10 Km später hatte ich ein gutes Erlebnis auf dem Land. Ich hielt vor einem Rasthaus an, um einen Tee zu trinken. Ich wurde von der Bevölkerung umzingelt, doch keiner machte sich am Rad zu schaffen. Ich bestellte einen Tee und unterhielt mich mit einem Einheimischen. Ich bat um Milch und Zucker für meinen Tee, den ich gestern gekocht hatte. Als ich dann bezahlen wollte, lud man mich ein. Ja, auf dem Lande sind die Leute wesentlich freundlicher!

Ich sah, wie sich ein grosser Vogel ins Wasser stürzte und dabei einen kleinen Fisch fing, den er danach in seinen Krallen hielt. Dann sah ich einen kleineren Vogel mit einem überdimensional grossen Schnabel, der dasselbe versuchte aber weniger erfolgreich war. Ich staune, wie vielfältig die Natur ist. Zu Hause in der Schweiz hatte ich mir oftmals Tierreportagen angesehen, doch es ist schon was ganz anderes, wenn man die Tiere aus naher Entfernung beobachtet. In Kakkar, einem kleinen Ort, sah ich das Polizeigebäude. Ich fragte nach dem Comander. Es war ein junger Mann, etwa 26 Jahre alt. Er sprach gut englisch und ich fragte nach einem sicheren Ort zum Übernachten. Man wollte meinen Pass sehen und der wurde dann gründlich studiert. Dann liess man mich alleine. Ich war hungrig, da ich den ganzen Tag nichts ass ausser ein paar Süssigkeiten. So fragte ich den Comander, ob es möglich wäre, ins Dorf zu gehen um etwas zu essen. Der Comander wollte mir die Erlaubnis nicht erteilen. So ging ich einfach. Wurde aber sofort aufgehalten. Mein zweiter Fluchtversuch gelang dann. Man verfolgte mich, doch versuchte man mich nicht mehr davon abzuhalten, etwas zu Essen zu organisieren. Ich ass drei Portionen, so hungrig war ich. Als ich bezahlen wollte, griff der Comander ein - das wäre schon OK. Man richtete mir ein Bett und bevor ich schlafen ging, bekam ich noch ein Glas Milch mit Zucker.

 Fr 3. März 2000 215. Tag

Kakkar-Dadu-Lakhi 101.09 Km T: 8978 Km

Ich denke zurück an meine erste Reise mit der Lady. Ich war eine Woche unterwegs in der Schweiz. Mit ein paar Franken in den Taschen fuhr ich herum. Ich schlief in Obdachlosenherbergen und ass in Gassenstuben bei Alkoholikern und Drogensüchtigen. Das waren spezielle Erlebnisse. Ich erinnere mich, dass ich eines Nachts in Yverdon ankam und bei der Polizei nach einer günstigen Übernachtung fragte. Sie luden mich ein, die Nacht in der Zelle zu verbringen. Das werde ich nie vergessen. Ein kleiner Raum, lichtdurchflutet vom Kunstlicht. Wurde bewacht von der Kamera. Man nahm mir den Pass ab und ich wurde von Kopf bis Fuss durchsucht. Es war schrecklich. So war ich wirklich überrascht von der Pakistanischen Polizei, die sogar das Essen bezahlte. Und da heisst es, die Schweizer seien so gastfreundlich… Heute hatte ich starken Gegenwind. Es war ein heisser, brennender Wind. Die Strecke war aber wunderschön. Und als es spät wurde, machte ich Halt in Lakhi, einem kleinen Dorf. Die Leute waren sehr mühsam und umzingelten mich. Man beobachtete jede Bewegung, die ich machte. Ich machte ein Spiel mit ihnen und gesellte mich zu der gaffenden Menge und schaute dahin, wo ich vorher war. Doch bald war ich wieder der Mittelpunkt der Menge, sodass ich mich wieder an den äussersten Punkt bewegte. Das machte ich ein paarmal. Doch die Leute waren Idioten; zu dumm, im zu merken, wie blöd ihr Verhalten ist. So wurde ich draufgängerisch. Nun ging ich auf bestimmte Leute zu und äffte sie nach, doch auch das hielt sie nicht davon ab, mich zu begaffen. Schlussendlich kam jemand, der englisch sprach - er fragte mich, was mein Programm für heute Nacht wäre. Ich sagte ihm, ich würde gerne was essen und dann irgendwo Übernachten. Er sagte, da wäre ein Rest-House für die Regierung, da könne ich übernachten. Er fuhr voraus und nach einem Km waren wir dort. Ich hatte Pech; der Verantwortliche war nicht anwesend. Doch der Mann lud mich ein, bei ihnen zu übernachten. So fuhr ich ihm nach. In ihrem Gästethaus konnte ich mich waschen. Da es stark stürmte, gab es einen Stromausfall und diese Nacht lag im dunkeln. Ich habe einige Stromausfälle in Pakistan erlebt. Merkwürdigerweise keinen einzigen im Iran. Nun, es waren schnell Kerzen organisiert und man servierte mir Tee und Biskuits. Es waren kultivierte Menschen, die eine Ausbildung hinter sich hatten und nicht so unfreundliche Gaffer wie die anderen Dorfbewohner. Wir unterhielten uns und später wurde ich überrascht von einem guten Abendessen. Man schlug mir vor, den morgigen Tag mit Ihnen zu verbringen. Sie würden mir Morgen die Gegend zeigen.


Pakistanischer Bauer mit seinen Wasserbüffeln

Sa 4. März 2000 216. Tag

Ruhetag in Lakhi

Die Brüder sind Grossgrundbesitzer und haben etwa 100 Bauern, die mit ihnen arbeiten. Das System funktioniert folgendermassen: Jeder Bauer kann die Hälfte seines Ertrags für sich behalten - den Rest gibt er ab. Eine faire Sache, finde ich. So ist jeder selbst verantwortlich, wie sein Ertrag wird. Der jüngere Bruder brachte mich an den Hindus, den längsten Fluss Pakistans, und mit einem Boot fuhren wir auf eine kleine Insel. Auf der Insel arbeiteten Fischer. Sie reparierten ihre Netze und machten Vorbereitungen für den morgigen Tag. Der ältere Bruder fuhr mich dann in die nächste Stadt, wo er den Arzt aufsuchte, da er sich nicht wohl fühlte. Er arbeitet für die Regierung. Na ja, arbeiten kann man das nicht nennen. Er kommt einmal im Monat, um seinen Gehaltscheck abzuholen. Solche Typen würde ich als erstes von der Gehaltsliste entfernen. Doch in Pakistan ist das nichts abnormales. Am Abend ging ich mit dem jüngeren Bruder in die Berge, wo es eine verlassene Tempelanlage von den Hindus gibt. Es gab eine warme Wasserquelle, reichlich schwefelhaltig. Läge der Ort in der Schweiz, wäre er bestimmt touristisch erschlossen. Doch diesen Ort hier kennen nur die Einheimischen.

So 5. März 2000 217. Tag

Lakhi-Hyderabad 109.53 Km T: 9087.6 Km

Ich hatte Durchfall. Ich nahm die Wundermedizin; 1 ½ Löffel Lehm mit Wasser vermischt. Das half. Nun hatte ich Ruhe. Nach dem Morgenessen und den Abschiedsphotos ging's wieder weiter. Man erklärte mir, dass man in Pakistan gegen Durchfall eine Art Gras mit Wasser vermischt und trinkt. Das Gras absorbiert das Wasser im Körper und stoppt dadurch den Durchfall. Zwischendurch hielt ich bei Rasthäusern an und trank Tee. Teilweise sind die Leute sehr nett, doch ab und zu sind sie einfach nur Idioten, die mich bloss blöd anstarren. Das nervt gewaltig und ich überlege mir, was ich dagegen machen kann. Wenigstens habe ich ein wenig Freiheit auf dem Rad. Nicht immer jedoch, da mich die Motorradfahrer kilometerweit verfolgen. Die meisten wollen wissen, wohin ich fahre und von wo ich komme. Je mehr ich diesen Typen begegne, desto weniger habe ich Lust, mit ihnen zu sprechen. So stelle ich mich als dummer Tourist, der kein Wort englisch spricht und in einer komischen Sprache antwortet. Ja, Schweizerdeutsch kennt man hier nicht. Doch wenn die Verfolger fort sind, geniesse ich die Landschaft und bin glücklich. In einem grossen Rasthaus machte ich dann Halt und wurde prompt zum Eisbären im Zoo. Hilfe, was kann ich nur machen. Ja, da muss man durch. Nach zwei Stunden war das Interesse geringer und nur noch vier Jungs starrten mich blöd an. Was wollt ihr von mir ? Morgen geht's weiter

Mo 6. März 2000 218. Tag

Hyderabad-45 Km vor Karachi 109.05 Km T: 9196.7 Km

Eine unruhige Nacht war das. Die Pakistani lieben es, im hellsten Kunstlicht und mit einem voll aufgedrehtem Fernseher einzuschlafen. Ich aber bekundete Mühe damit. Und dass mich die verfluchten Moskitos so gerne haben, war einem tiefen Schlaf auch nicht sehr zuträglich. Der Verkehr war gar nicht so übel wie ich zuvor dachte. Kam gut voran. Am Nachmittag nahm ich mir Zeit, das Rad zu pflegen. Ich reinigte es und schmierte die Ketten. Drei Kilometer weiter fand ich ein sehr gutes Rasthaus. Der Besitzer lud mich ein, ich müsse mir keine Sorgen machen wegen dem Geld, er würde alles bezahlen. Ich wurde wirklich hervorragend bedient und fühlte mich heute wie ein König. Danke Gott.

Di 7. März 2000 219. Tag

Fahrt nach Karachi 85.76 Km T: 9282.6 Km

Früh morgen weckte mich ein Junge mit der Frage "a Problem" - nun hatte ich eins. Es war zu früh für mich, doch schlafen konnte ich auch nicht mehr. So machte ich das Rad bereit. Der Besitzer des Rasthauses brachte mir Tee und fragte, ob ich Geld bräuchte. Na, also das würde dann wohl zu weit gehen. Um 10.00 Uhr war ich dann schon in Karachi. Ich fuhr an einem grossen Rindermarkt vorbei. Bei dem Touristenbüro bekam ich ein paar Pläne. Ich fuhr dann einfach nur so herum, ganz langsam, und genoss es. Karachi ist gar nicht so übel, um Rad zu fahren. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Es hat überall Tiere und auch sehr viel Verkehr, doch es ist wesentlich ruhiger als in Istanbul. Bei einem Computershop konnte ich das Internet benützen. Mein Bruder schickte mir einen Höhenmesser mit DHL. Ich erhielt eine Adresse und die Telephonnummer. Als ich dort anrief, konnte man mir nicht sagen, ob das Paket angekommen ist oder nicht. So fuhr ich hin. Die Lady schaute im Computer nach und nach ein paar Minuten und 12$ Importtaxen hielt ich das Paket in Händen. Ich war sehr froh. Nun - wo übernachten? Kein Problem, da gibt es eine Jugendherberge für 1.5 $ die Nacht.


Karachi, Km für Km das Gleiche Bild ein Hochhaus nach dem anderen

Mi 8. -So 12. März 2000 220.-224. Tag

Karachi

Karachi: Die grösste Stadt in Pakistan. Es leben über 12 Mio. Menschen in dieser Riesen-Metropole. Ich war überrascht, so schöne Gebäude neben den ärmsten Slums zu sehen. Es gab an jeder Ecke starke Militär- oder Polizeipräsenz. Mehrere bärtige Männer mit Maschinengewehren. Ich sah eine erschreckende Armut. Auf der Strasse unzählige Opiumraucher. Bettelnde Kinder und Krüppel. Ich sah noch keine Stadt, in der so viele Vögel leben. Die Menschen füttern sie sogar noch mit altem Fleisch. Also, das Paradies für Vogelliebhaber.

Ich sah mir den Strand an, der mich nicht gerade aus den Socken haute. Der Sand war voller Öl und reizte nicht, um länger zu verweilen. Es gab Kameltreiber, die einen am Strand umherführten und ich sah sogar ein paar Kinder im Wasser schwimmen.

Ja, und dann war ich ein paar Tage krank; hatte Durchfall und Fieber mit Schüttelfrost. Ich hatte mein Quartier in der Jugendherberge eingerichtet dort hatte ich ein wenig Ruhe. Ich wollte jedoch nicht allzu lange in Karachi bleiben, und sobald ich wieder gesund war, ging's weiter.

Mo 13. März 2000 225. Tag

Karachi-Gujo 70 Km T: 9445.9 Km

Bevor ich losfuhr, wechselte ich noch 100 $. War gar nicht so einfach, eine Wechselstube zu finden, die um diese Zeit offen hat. Dann jedoch ging's endlich weg von Karachi. Die ersten Stunden fuhr ich jedoch noch durch den Verkehr. Und die blöden Busse, die ohne Grund plötzlich hielten und mich in unnötige Gefahr brachten, nervten. Ich hielt zwischendurch an, um etwas zu trinken. Als ich schon weit von Karachi entfernt war, machte mich jemand in einer Raststätte darauf aufmerksam, dass der hintere Reifen ein Loch hat, aus dem der Schlauch schon herausschaut. Der Reifen war hin. So wechselte ich den Reifen und da bemerkte ich, dass jemand in Karachi meine Pumpe geklaut hatte. Shit! Zum Glück gab's eine Pressluftpumpe mit und einem kleinem Adapter war es möglich, meinen Schlauch, der ein anderes Ventil hat, aufzupumpen. Ich war niedergeschlagen von der Tatsache, nun ohne Pumpe zu sein. Für heute war Schluss, ich blieb im Rasthaus und überlegte, was ich am besten machen könnte.


Jinnah's Ruhestädte

Di 14.- Mi 15. März 2000 226.-227. Tag

Gujo-Karachi 72.83 Km T: 9518.8 Km

Ich entschied, nach Karachi zurückzufahren. Vielleicht wäre es möglich, eine Pumpe aufzutreiben und wenn nicht, kann ich per Internet eine Pumpe von der Schweiz her bestellen. Ich war nicht ermutigt, die gleiche Strecke zurückzufahren. Doch da liess sich nichts machen. Ich fuhr sehr schnell, und um 12.00 Uhr war ich schon in Karachi. Ich ging zur St. Andrews Kirche, wo ich Freunde hatte. Bei ihnen durfte ich übernachten. Und man half mir, im Bikemarkt eine Pumpe und Reifen zu finden. Beides ohne Ergebnis. So schrieb ich ein Mail nach Hause und bestellte die Sachen per Kurier. Ich hatte ein kleines Paradies gefunden, das umgeben vom Schmutz Karachis lag. Karachi ist dennoch faszinierend - wie gesagt, habe ich noch nie eine Stadt erlebt, in der es so viele Vögel gab. Von den riesen Raubvögeln bis zu ganz kleinen bunten Nesthockern. Doch bin ich froh, wenn ich diese Grossstadt verlassen kann.

Do 16. März 2000 228. Tag

Karachi-Thatta-Bohlar 181.1 Km T: 9699.9 Km

Um 7.00 Uhr war ich bereits wach. Ich wollte so schnell wie möglich diese Stadt verlassen und war schon sehr nervös. Doch zuerst gab's Tee und Frühstück. Nach einer herzlichen Verabschiedung ging's los. Ich fuhr so schnell wie möglich raus. Der Verkehr war so früh noch nicht stark. Ich dachte nach, wieviel Glück ich gehabt hatte, die nun wieder hinter mir gelassene Familie getroffen zu haben. Sie waren mir eine moralische Stütze. Und ich lebte bei ihnen sehr gut, wie in einem kleinen Paradies. Um 12.00 Uhr war ich, wo ich vor Tagen bemerkt hatte, dass mir die Pumpe fehlt. Schnell fuhr ich vorbei. Ich war den ganzen Tag in Gedanken und machte nur ab und zu Halt. Als es spät wurde, fand ich in der Nähe einer Zementfabrik ein Gasthaus. Dort ass ich was und man lud mich ein, die Nacht hier zu bleiben. Die Leute waren sehr nett. Und ich musste für nichts bezahlen. Als ich dann auf den Tacho schaute, erschrak ich. 181 Km. Eindeutiger Rekord; so weit fuhr ich noch nie an einem Tag! Wollte halt Karachi weit hinter mir lassen. Doch nun spürte ich es in den Beinen.

Fr 17. März 2000 229. Tag

Bohlar-Nawab Stah 122.88 Km T: 9822.8 Km

Nach dem Frühstück «Malei», eine Art Quark mit Zucker, fuhr ich los. Heute wäre ein Fest, wo geschlachtet und das Fleisch den Armen verteilt wird. Der National Highway, einmal eine sehr gute Strasse und ein paar Km weiter nur noch eine Landstrasse. Eine wechselhafte, abwechslungsreiche Strasse. Ich genoss, sie zu befahren. Doch ich war nicht so motiviert zum Fahren. Ich war müde und sehr nachdenklich. Ich hatte irgendwie den Spass am Fahren und an den Leuten verloren. Immer wurde ich verfolgt und nur selten konnte ich einmal ein paar Km alleine fahren. Und die Fragen, welche die Leute stellten, sind immer die gleichen. Das nervt einem mit der Zeit.

Sa 18. März 2000 230. Tag

Nawab Stah-Kandiaro 118.3 Km T: 9941.1 Km

Auch heute fühlte ich mich schlapp und unmotiviert. Dazu kam der Gegenwind, der mich schon die ganze Zeit ins Gesicht bläst. Ich merkte, es wird Zeit für eine Pause. Mal was anderes machen; ausruhen und die Sonne und Natur wieder geniessen. Shit! Nun hatte ich auch noch einen Platten. Ich stiess das Bike zur nächsten Siedlung, etwa 1.5 Km weit. Dort sah ich drei Pressluftpumpen. Bei einer wechselte ich dann den Schlauch. Als ich dann den Schlauch aufpumpen wollte, hiess es, dass niemand da wäre, der die Maschine bedienen könne. Und da waren drei dieser Maschinen. Shit! Doch ich hatte Glück im Unglück. Nach langem Hin und Her nahm mich ein 50-Tönner mit zum nächsten Dorf. Dort gab es jemanden, der eine Pressluftmaschine besass und sie auch bedienen konnte. Es wurde spät, doch ich wollte weiter. In einem Dorf fand ich dann eine Bleibe. Konnte beim Dorfgasthaus übernachten, doch ich musste auf alles Antworten. Keine Privatsphäre. Es wird mir langsam zu viel - ich brauche wieder Ruhe.

So 19. März 2000 231. Tag

Kandiaro-Ranipur 37.24 Km T: 9978.4 Km

Ich hatte wieder Durchfall und stechende Bauchschmerzen. So war es unmöglich, Rad zu fahren. Immer wieder ging ich hinter die Büsche. Ich suchte einen Ort, wo ich mich hinlegen konnte. In Ranipur, einer grösseren Ortschaft, sackte ich aufs Bett einer Gaststätte. Die Leute kümmerten sich nicht um mich. Sie schauten sich einen blöden Indischen Film an. Ich übergab mich ein paarmal und musste immer wieder aufs Klo. Jemand fragte mich, wieso ich meine Zeit hier vertrödle. Am liebsten hätte ich im gesagt, was für ein Idiot er selbst sei. Da schaut er sich diesen verblödeten kitschigen Film an, statt sein Haus aufzuräumen oder sonst welche Arbeiten zu erledigen. Und ich bin sicher, da gäbe es einiges zu erledigen. Kurz vor 18.00 Uhr kam dann ein Arzt - er sagte, er wäre vom örtlichen Spital und ich solle doch mit ihm kommen. So stand ich auf. Ich war sehr schwach und konnte mich fast nicht auf den Beinen halten. Es machte mir grosse Mühe, in den Spital zu gehen. Im Spital mass ein Arzt meinen Blutdruck. Und dann gab er mir eine Anzahl diverser Medikamente. Er wollte, dass ich was esse. Doch ich war nicht in der Lage, etwas zu mir zu nehmen. Ich hatte nicht einmal Durst. Und immer wieder übergab ich mich. Der Spital war nicht sauber, das WC war voller Spinnweben, man sah, dass da Jahre nichts gemacht wurde. Mich attakierten die ganze Nacht über die Moskitos, und die Ärzte kamen immer wieder und weckten mich auf. Das war keine schöne Nacht.

Mo 20. März 2000 232. Tag

Ranipur-Rohri-? 85.25 Km T: 10063.65 Km

Es ging mir immer noch schlecht und ich konnte noch immer nichts essen. Doch ich wollte nicht in diesem Spital bleiben. Dazu hatte ich keine Lust. Das war kein erholsamer Ort. So fuhr ich müde los. Die Pakistani gingen mir auf die Nerven. Ich wurde immer wieder verfolgt und hatte keine Ruhe vor ihnen. Km weit fuhren sie mir nach und keiner von diesen Typen konnte Englisch oder interessierte sich wirklich für mich. Dazu kam, dass ich einfach zu schwach war, um mich mit ihnen abzugeben. Bei einem Trucker-Gasthaus hielt ich an. Musste mich wieder übergeben. Doch die Leute waren ganz OK und liessen mich in Ruhe.

Di 21. März 2000 233. Tag

?-Ghotki-Ubauro-Umar Kot 116.35 Km T: 10180 Km

Ich war lustlos; nichts interessierte mich mehr. Ich hatte schon lange nichts mehr gegessen und getrunken - dazu hatte ich keine grosse Lust. Wenn das so weitergeht, wird es gefährlich. Ich habe schon einige Kg verloren. So fuhr ich lustlos weiter. Ich fuhr sehr langsam und teilweise wurde mir schwarz vor Augen. In einer dieser Raststätten machte ich Halt. Ich trank eine Pepsi. Die Leute waren eher unfreundlich. Ich hatte starken Hunger und bestellte darum Dahl. Doch ich konnte nur zei Bissen essen, dann wurde mir schlecht. Ich musste wieder aufs Klo. An diesem Punkt dachte ich an zu Hause: An ein Schweizer Yoghurt und Käse und Schwarzbrot. Ich wollte nach Hause. Doch zu Hause war weit entfernt. Ich entschloss, morgen per Zug nach Islamabad zu gelangen. Ich musste ein Spital aufsuchen.

Mi 22. März 2000 234. Tag

Umar Kot-Rahimyar Khan-Rawalpindi

Man gab mir ein Sprit und mischte es mit Salz. Das war das Beste und half mir. Doch ich war völlig schlaff und bekundete starke Mühe, mein Bike auf die Strasse zu bekommen. Meine Idee war, bis nach Rahimyar Khan per Anhalter zu gelangen und dann per Zug nach Islamabad zu fahren. Bei einer Truckerkantine waren die Leute so freundlich, mir zu helfen, und ein Truck nahm das Bike und mich mit nach Sadiqabad. Dort wurde ich umringt von allen Typen, die mir keine Ruhe liessen. Der Apotheker wollte ein Geschäft mit mir machen. Er bot mir an, mich nach Rahimyar Khan zu befördern für 20 Franken. Nun, ich war zwar sehr schwach, doch denken konnte ich noch, und dass dieser Preis zu viel war, ist klar. So machte ich es halt selbst. Stoppte einen Toyota Pickup, und der fuhr mich bis zum Bahnhof. Ich kaufte ein Ticket und es hiess, der Zug komme in 10 min. Ich fand Leute, die mir halfen das Bike, aufs richte Gleis zu bringen. Das war nicht so einfach. Doch der Stress ging erst los, als der Zug kam. Wo soll ich das Bike unterbringen? Ich sah den Postwagen und stiess das Rad hinein. Ein paar Sekunden später fuhr der Zug ab. Müde sank ich auf die Postsäcke und war froh, im Zug zu sein. Doch die Freude war zu früh. Bei der nächsten Station wurde das Rad ausgeladen. Und ich musste einen anderen Platz einnehmen. Die Leute kümmerte es wenig, dass ich in den Spital musste und wie mein Zustand war. So stiess ich mein Rad in einen Gang hinein. Natürlich war der Gang voll, doch ich wollte nicht auf dieser Station warten auf den nächsten vollen Zug. Die Leute halfen mir widerwillig. Doch es war geschafft. Nun wollten die Leute wissen, woher ich komme etc. etc. Ich war zu KO, um zu antworten und wies sie ab. Respekt kennt man hier nicht. Es war windig und kalt, doch die Fenster mussten geöffnet bleiben. Ich machte sie zu, ein anderer öffnete sie wieder. Es war eine Höllenfahrt. 19 Stunden eingequetscht im Gang. Ich fiel immer wieder in eine Art Koma. Träumte von zu Hause und fror und zitterte. Es waren meine schlimmsten Stunden.

Do 23. März 2000 235. Tag

Rawalpindi-Islamabad-Peshawar

Um 6.00 Uhr morgens kam ich müde in Rawalpindi an. Zuerst ging ich einen Tee trinken. Dann fuhr ich nach Islamabad, wo ich zuerst in ein Internetcafe ging. Danach fuhr ich zum Spital, dort gab man mir eine Spritze und Tabletten. Ich war sehr müde und konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Dann ging ich zum Tourist Camp. Dort erklärte man mir, dass der Clinton nach Islamabad kommt und dass für drei Tage niemand im Tourist Camp übernachten dürfe.

Und das, wo ich ein paar ruhe Tage gut gebrauchen konnte. Zum Glück waren da zwei Schweizer, die mit einem Truck unterwegs waren. Die würden nach Pesawar fahren. Ich fragte sie, ob sie mich mitnehmen könnten. So kam es, dass ich mit ihnen nach Peshawar fuhr, wo wir in der Jugendherberge übernachten durften.

Fr 24- So 26. März 2000 236.-238. Tag

Peshawar

Peshawar liegt an der afghanischen Grenze und ist daher auch der Schmugglerort von Pakistan. Am Schmugglerbazar bekommt man daher alles. Es ist ein kleines Paradies der Produkte. Von gestohlenen Autoradios über Toilettenartikel und Autos, Hi-Fi-Geräte bis hin zu Kameras, etc., etc. Alles bekommt man. Na, hier sieht man auch viele Bärtige mit Kalaschnikows. Man kann die Triple Area betreten - illegal. Dort sieht man Geschäfte, die Tonnen von Haschisch und Kopien und Originale von etlichen Feuerwaffen haben. Man hört Geschichten, dass dort die Lebenserwartung nicht gerade hoch sei. Und dass jeder mehrere Waffen besitzt. Eine Waffe wird mehr gepflegt als die eigene Frau.

Ich brauchte ein paar Tage Erholung, und da war der Garten von der Pakistanischen Jugendherberge ganz gut. Wir waren zu fünft, ein Pärchen aus Slowenien, das Pärchen aus der Schweiz und ich. Wir hatten eine gute Zeit und unterhielten uns über die Erlebnisse. Die anderen kamen von Indien her und wollen via Iran zurück nach Europa fahren. Und da nun Clinton zu Besuch nach Islamabad kommt, mussten aus Sicherheits gründen die Touristen aus Islamabad verduften. In der Zeitung wurde berichtet, dass die Militärs Spürhunde und alles Mögliche einsetzten, um das Gebiet zu kontrollieren. Wir hatten eine gemütliche Zeit in Peshawar, doch ich freute mich auf das Tourist Camp in Islamabad, da es dort einen grossen Garten mit einem Wäldchen gibt - der Ideale Ort, um sich zu erholen.


Bazar in Peshawar

Mo 27. März - Do 6. April 2000 239 - 249. Tag

Islamabad

Visa-Besorgungen

Islamabad: Die moderne Hauptstadt Pakistans. Eine Stadt, die auf dem Reissbrett durchgeplant wurde: Schachbrettartige Einteilung der Häuser und Strassen. Erstaunlich viele Grünflächen und erstaunlich ordentlich und sauber. Das Ideale für einen geschwächten Radfahrer, in dessen Lungen sich zu viel Dreck, Schmutz und Staub angesammelt hat. Auch der Ort, an dem man das Nötigste organisieren kann und mal wieder ausländische Produkte bekommt, die zwar ein wenig teurer sind, doch immer noch erschwinglich.

Da war mal die Luftpumpe und ein paar Ersatzteile (drei Reifen und Speichen), die ich mir von der Schweiz her per Kurier nach Lahore hatte schicken lassen. Das Päckchen sei schon in Lahore angekommen, hiess es bei der Office in Islamabad. Ich fragte nach, ob sie es mir rübersenden könnten. Und war erstaunt, dass es ohne Aufpreis und schon innert 2 Tagen ankam. Ich freute mich besonders auf die Schokolade-Osterhasen, die im Paket versteckt waren. Ja, und nun hatte ich wieder eine Luftpumpe und eine Sorge weniger.

Das Visum für die Volksrepublik (China) war nicht ganz so einfach zu bekommen. Den ersten Tag kam ich um 8.30 Uhr, und da waren schon 47 Pakistaner vor mir da! Es hiess, ich müsse mich hinten anstellen und eine Nummer ziehen. Das machte ich dann auch schön brav. Um 11.00 Uhr war dann mal Nummer 16 dran und eigentlich klar, dass ich heute nicht mehr an der Reihe wäre. So sagte ich mir: Morgen machen wir das anders, das heisst kein solches Nummern-Theater mehr. So hatte ich ein langes Gespräch mit dem Soldaten, der es dann einsah, dass ein Tourist Visum eine Sache von ein paar Minuten ist und der mich und ein paar andere Reisende dann auch reinliess. Es gab ein kleinen Schalter mit einer Chinesin hinter der Glasscheibe versteckt. Ich gab ihr ein paar Städte an, die ich besichtigen möchte, nahm aber die Wörter "Fahrrad" oder "Tibe" nie in den Mund. Leider bekam ich dann halt nur 30 Tage. Nach ein paar Tagen konnte ich das Visum abholen, jedoch wieder mit dem Stress vor der Eingangstür.

Im Touristencamp treffen sich die "Overlander", und dort traf ich auch die beiden nun in Köln lebenden deutschen Tourenradler Thomas und Tobias. Da sie das gleiche Ziel hatten wie ich, nämlich nach China einzureisen, entschlossen wir, und zu einem Team zusammenzuschließen.

Ich bekam die Adresse von einem Botschafter, der das gleiche Rad hat wie ich. Es gebe ein Problem mit der Lenkung an seinem Rad. So beschloss ich, ihn zu besuchen. Das Problem konnte ich dann aber nicht beheben, da man die ganze Gabel auswechseln müsste. Er lud mich ein zum Abendessen. Und es wurde ein gemütlicher, unterhaltsamer Abend. Wir machten in der Zeit, als ich in Islamabad war, noch ein paar mal ab und ich war sehr überrascht über die Gastfreundschaft der Familie. Und ich möchte mich auch hier nochmals herzlich bedanken für die guten interessanten Stunden mit ihnen.


Nähe Islamabad

Fr 7.April. 2000 250. Tag

Islamabad-Ban 52.51 Km T: 10525.1 Km

Es gibt zwei Strassen nach Murree: Die Hauptstrasse, die stark befahren wird, und eine Nebenstrasse, die fast niemand kennt und die überhaupt nicht befahren ist. Ich fuhr mit Thomas und Tobias, zwei 21-jährigen Deutschen aus Bonn. Sie waren von Griechenland nach Indien geflogen und gehen nun über China, Kirgistan und Russland zurück in die Heimat.

Die Strecke war absolut genial - viel Grün, schöne Berge und leider auch sehr starke Steigungen. An einem Wäldchen neben der Strasse schlugen wir unser Nachtlager auf. Als wir bereits kochten, kamen Leute, die uns einladen wollten, ihnen Gesellschaft zu leisten. Wir lehnten ab, da wir bereits alles aufgestellt hatten für die Nacht und auch weil wir schon am Kochen waren.

Sa 8. April 2000 251. Tag

Ban-Murree-Nathia Gali 47.07 Km T: 10572.2 Km

Nach der Nudelsuppe packten wir gemütlich zusammen. Wir fuhren ohne Stress los. Schnell ging's sowieso nicht, da es von 1400 m rauf auf 2450 m hoch ging. Der Weg stieg oft an, um dann wieder ins Tal zu führen, und wir machten immer wieder Halt, um Tee zu trinken. Und kurz vor dem Eindunkeln erreichten wir ein kleines Dorf auf 2450 m Höhe. Wir alle fühlten uns schlaff und hatten Bauchschmerzen. Ich hatte keinen Hunger und ass ohne Appetit. In der Nacht bekam ich starke Bauchkrämpfe und konnte fast nicht schlafen.

So 9. April 2000 252. Tag

Nathia Gali-Nawansharir 38.88 Km T: 10611.1 Km

Am Morgen war mir sehr übel. Ich hatte diese starken Bauchschmerzen und ich dachte, dass ich vielleicht eine Art Höhenkrankheit hätte. So versuchte ich, so schnell als Möglich unter 2000 m zu kommen. Als erstes ging's runter, um nach ein paar Kilometern wieder auf 2350 m hoch zu steigen. So war das - viermal runter, bis auf 2120 m und dann wieder hoch auf 2350 m. Ich krächzte vor Schmerzen und konnte nur ganz schwer atmen. Unterwegs trafen wir dann einen Engländer, der mit dem Motorrad um die Welt fährt. Dann endlich kam eine Super -abfahrt. Nach ein paar Km war jedoch erst einmal eine Reifenpanne angesagt. Das Vorderrad. Zum Glück jedoch keine grosse Sache, denn ich brauchte bloss den Schlauch zu wechseln. Auf 1250 m machten wir dann Halt, um Tee zu trinken. Wir hörten uns die Geschichten des Engländers an und tauschten Infos aus. Der Tag war dann für mich gelaufen. Ich hatte so starke Schmerzen, dass ich nicht mehr laufen, geschweige denn Rad fahren konnte. So campierten wir beim Flussufer. Ich versuchte zu schlafen und mich zu erholen. Ich war sehr froh, dass ich nicht alleine war und Tobi und Thomas sorgten sich gut um mich. Sie hängten die Hängematte auf und umsorgten mich. Am Abend bekamen wir Besuch. Mobi, der immer wieder nach Amerika fliegt, um dort zu arbeiten, lud uns zu sich nach Abbottabad ein. Das wäre eine Möglichkeit, um mal ein paar Tests im Spital zu machen und um ein wenig auszuruhen.

Mo 10. April 2000 253. Tag

Nawanshahr-Abbottabad 37.94 Km T: 10649.1 Km

Ich fühlte mich schon wieder besser. Die Strecke nach Abbottabad war schnell hinter uns. Mobi war nicht zu Hause. So tranken wir Tee und assen Gebäck. Wir waren beinahe fertig und wollten nochmals telefonieren, als Mobi uns fand. Wir fuhren hinter im her zu seinem Haus. 4 Km ausserhalb des Stadtzentrums, schön abgelegen, war ein super Haus; eine richtige Villa. Als erstes duschten wir wieder einmal. Dann fuhr uns Mobi zu seinem Elternhaus, wo wir Reis und Joghurt assen. Im Spital machte ich eine Blut- und Stuhlprobe. Das Ergebnis zeigte, dass ich Bakterien im Körper hatte, die Krämpfe und Durchfall verursachen. Man gab mir eine Spritze und verschrieb mir Medikamente. Ich weiss nicht, was ich von dem Resultat halten soll, da es ein einziges kleines Mikroskop gab und ich keine Ahnung habe, wie gründlich hier untersucht wird.

Di 11. April 2000 254. Tag

Abbottabad

Wir hatten nichts zu essen, so losten wir aus, wer einkaufen gehen musste. Das Los fiel auf mich und Thomas. So fuhren wir runter zu den nächsten Läden. Bei der Rückfahrt fühlte ich wieder starke Krämpfe, diesmal in der Rückengegend. Ich hatte auch wieder Mühe mit atmen. Nach dem Frühstück musste ich mich hinlegen. Der Schmerz wurde immer stärker und ich bekam 39 Grad Fieber. Ich blieb den ganzen Tag im Bett liegen. Ich überlegte, von was ich diese Schmerzen hatte und was ich dagegen machen könnte. Eines war klar: Morgen würde ich nicht Rad fahren.

Mi 12. April 2000 255. Tag

Abbottabad

Tobias und Thomas entschieden, weiter zu fahren - mir ging es bereits wieder besser. Doch es wäre eindeutig zu früh gewesen, um weiter zu fahren. So blieb ich noch einen Tag in Abbottabad. Ich kontrollierte alle Sachen und las einen Roman.

Do 13. April 2000 256. Tag

Abbottabad-Besham 130.6 Km T: 10779.7

Um 6.30 war ich wieder auf der Strasse. Ich fuhr gemütlich, doch fast ohne Pausen. Bis nach Mansehra war die Strasse stark befahren. Danach wurde es ruhiger und angenehmer zu fahren. Es ging runter auf 900 m. Ich erfuhr, dass vor 2 Tagen 3 Radfahrer hier vorbei gefahren waren. Von Thomas und Tobias wusste niemand was. In einem Dorf rannten mir Kinder hinterher, die alles mögliche wollten. Zuerst Kugelschreiber, dann meine Sonnenbrille und zuletzt noch eine Uhr. Es ging hoch auf 1620 m. Und mehrmals rannten Kinder hinter mir her, teilweise flogen auch Steine. Die Abfahrt wäre genial gewesen, wenn da nicht so viele Löcher in der Strasse gewesen wären. Bei einem Stopp erfuhr ich von einem Minibusfahrer, dass 5 Radfahrer 40 Km vor mir wären. Ich kaufte Bonbons ein für allzu lästige Kinder und - das war an einer Stelle besonders nützlich: Auf einer Anhöhe standen mehrere Kinder, bewaffnet mit Steinen. Ein Junge kam auf mich zu und verlangte Wegezoll. Ich warf ihm also ein paar Bonbons hin und konnte ungehindert passieren. Kohistan ist berühmt für Steine werfende Kinder. Vor Besham sah ich eine Strassenbarriere, es fing an zu regnen und so fragte ich die Leute, ob ich bei ihnen übernachten könne. Es waren Förster und Mr. Abdulwajid lud mich ein. Er ist mit 2 Frauen verheiratet und hat 14 Kinder. Mich wundert es nicht mehr, dass hier vielerorts mehr Kinder sind als Erwachsene. Es gibt richtige rivalisierende Kinderbanden. Wie wird sich wohl die Zukunft für die Kids entwickeln? Werden sie zu «Billy the Kid» oder werden sie noch vernünftig ? Mr. Abdulwajid war sehr gastfreundlich und es war schön, eine Nacht hier bei ihm zu verbringen.

Fr. 14. April 2000 257. Tag

Besham-Dasu 84.62 Km 10864.4 Km

Um 6.30 Uhr ging's wieder los. Durch Besham, wo ich mich nach den anderen Radfahrern erkundigte. Jedoch hatte niemand was von Ihnen gesehen. So fuhr ich gemütlich weiter. Immer wider fragten mich Kinder nach einem «Pen». Als ob ich ein Kiosk wäre! Viele Kids rannten mir her. «Cello» (was soviel bedeutet wie «hau ab!») lautete das Zauberwort, das in diesem Fall meistens half. Ich benutzte es oft. Um 12.00 Uhr trank ich in Pattan einen Tee, die Leute wussten auch hier nichts von anderen Radfahrern - so fuhr ich weiter. An einer Quelle filterte ich Wasser, und da erfuhr ich von Leuten, dass etwa 5 Km hinter mir Radfahrer wären. So wartete ich auf sie. Als sie dann kamen, klagten sie mir, dass ihr Led Erich in Pattan von Kinder aus dem Korb herausgezogen und gestohlen worden war. Auf der Strecke nach Dasu brach meine linke Gepäckträger Stange. Tobias reparierte sie provisorisch. Das Aluminium ist zwar superleicht, hält aber solch harten Schläge, wie sie hier vorkommen, kaum aus, und so war klar, dass eines Tages der Gepäckträger brechen würde. Tobias' Gepäckträger ist auch schon gebrochen. Hersteller, lasst euch da was einfallen! In Dasu suchten wir ein Hotel, als plötzlich mein Hinterrad einen lauten Knall von sich gab. Der Reifen war im Eimer. Mein Reifenverbrauch ist eindeutig zu hoch. Tobias meint, dass ich zu wenig Druck reinpumpe; 5 bar müssen da schon rein. Ich begnügte mich immer mit weniger. Dadurch hatte ich vermutlich einen höheren Verschleiss. Für 150 Rupien (3 $) fanden wir ein schäbiges Hotel. Dafür liessen wir uns in einem Dreistern-Restaurant verwöhnen. Der fritierte Reis mit Gemüse schmeckte einfach herrlich.

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